ThemenMission und Evangelisation

Gemeinde bauen auf Gottes Wort

Kann es sein, dass wir mehr Interesse am Evangelisieren haben als am Evangelium? Und sind wir so sehr an Gemeindewachstum interessiert, dass wir Gefahr laufen, die schon vorhandene Gemeinde dabei zu verlieren? Gibt es eine biblische Alternative zu populären Gemeindewachstumstrategien?

Ja, sagt Dr. Mark Dever, Pastor der Capitol Hill Baptist Church im Herzen von Washington, DC. Dever und eine wachsende Anzahl von Pastoren haben ein Gemeindekonzept entdeckt, das eine erfrischende Alternative zu gängigen Gemeindewachstumsstrategien anbietet. Kernpunkt ist die Zentralität der Bibel. Dever und ähnlich gesinnte Pastoren wie John Piper und John MacArthur vertrauen auf exegetisches Predigen und konsequente biblische Unterweisung. Konsequente Bibellehre ist dabei das wesentliche Kennzeichen einer ansonsten recht heterogenen Bewegung. Ganz bewusst wird die Verkündigung des Evangeliums in das Zentrum des Gottesdienstes und Gemeindelebens gestellt. Auf Marketingstrategien wird weitestgehend verzichtet.

Gemeindewachstum wird dabei nicht als Ziel verfolgt, sondern als erfreuliche Konsequenz der klaren Verkündigung des Evangeliums angesehen. Wahres Gemeindewachstum ist ein Geschenk Gottes, das nicht erzwungen werden kann. Gesellschaftsrelevanz wird nicht angestrebt, sondern es wird darauf vertraut, dass das Evangelium vom Heiland Jesus Christus zu jeder Zeit höchst gesellschaftsrelevant ist und deutlich verkündigt werden muss.

Erfolg wird nicht in der Zahl von Bekehrungen und Gottesdienstbesuchern gemessen, sondern allein in Treue gegenüber Gott und seinem Wort angestrebt. Wenngleich dieser Ansatz nicht vorrangig Gemeindewachstum zum Ziel hat, so hat er doch zu einigen Megagemeinden geführt, die sowohl eine Vielzahl von Bekehrungen zu verzeichnen haben als auch eine neue christliche Elite hervorbringen.

Natürlich haben Gemeindewachstumsstrategien à la Willow Creek eine gewisse Berechtigung und haben manches dafür getan, dass Gemeinden wieder evangelistischer werden. Aber für einen Christen, der weiterkommen will, der einen Mentor gesucht und nach einem knappen Jahrzehnt in der Geschäftswelt den Ruf in das Pastorenamt spürt, hat sich Devers Gemeinde als erfrischende Alternative und grosser Segen erwiesen. Neben Evangelisation und allgemeinverständlicher, aber anspruchsvoller Bibelverkündigung haben sich diese Pastoren vor allem auch auf die praktische Ausbildung einer neuen Generation bibelfester Diener im Reich Gottes in der lokalen Gemeinde verschrieben.

Der scheinbare Spagat zwischen Elitenförderung und Breitenwirkung funktioniert vor allem deshalb, weil beides parallel praktiziert wird und auch „Fortgeschrittene“ oft genug die zentrale Botschaft des Evangeliums hören sollten.

Das Evangelium ist halt nicht nur das Grundseminar für Erstsemester, sondern das Zentrum aller christlichen Lehre.

So schreibt Dever in seinem Buch „The Deliberate Church“.1 Genau deshalb gehört das Evangelium in jede Predigt. Nichts ist wichtiger und nichts hat ein höheres Maß an Gesellschaftsrelevanz, als die zentrale Botschaft der Bibel von der Erlösung der Gläubigen durch den stellvertretenden Kreuzestod unseres Herrn.

Dever vertraut darauf, dass mit Kompetenz vermittelte biblische Wahrheiten Breitenwirkung haben können. Mark Dever, der kürzlich mit der Titelgeschichte für Christianity Today über Bedeutung des Kreuzestodes von Jesus Christus für Aufsehen sorgte, ist dabei nur ein Vertreter einer neuen evangelikalen Avantgarde, die sich gegen den Trend amerikanischer Mega-Kirchen-Konzepte stellt.

Kürzlich luden Dever, Al Mohler (Präsident des Southern Seminaries der südlichen Baptisten) und die Pastoren Ligon Duncan und C. J. Mahaney ihre Vorbilder John Piper, R. C. Sproul und John MacArthur zur „Together for the Gospel“ (Gemeinsam für das Evangelium) Konferenz nach Louisville, Kentucky ein. Mit ihnen kamen 3000 Pastoren aus allen Teilen der Welt, um sich von diesen Protagonisten einer neuen Pastoren-Bewegung Vorträge und Predigten zu dieser biblischen Alternative von gängigen Gemeindekonzepten anzuhören und miteinander zu diskutieren.

Festes Vertrauen in die Kraft des Evangeliums ersetzt dabei die ständige Suche nach Gesellschaftsrelevanz und cleveren Marketing-strategien

Im Mittelpunkt stand dabei, was im Mittelpunkt des Gottesdienstes stehen sollte: die Predigt. Alle sieben Männer predigen Sonntag für Sonntag exegetisch von der Bibel und durch die Bibel. Auslegendes Predigen befasst sich mit einem bestimmten Bibelabschnitt, und die Kernaussage der Bibelstelle wird zur Kernaussage der Predigt. Solche Prediger predigen über mehrere Wochen durch ganze Bücher des Alten und des Neuen Testaments, anstatt sich thematisch auf immer wieder die gleichen Bibelstellen zu beziehen. „Dieser auch von Jesus praktizierte Predigtstil (Lukas 4,17ff.) hilft sowohl der Gemeinde wie auch dem Prediger selbst, ein immer besseres Verständnis der gesamten biblischen Botschaft zu gewinnen und sich so durch Gottes Wort immer weiter verändern zu lassen“, so Dever im ersten Kapitel seines Buchs.2

Ein Nebenaspekt dieses Predigtstils ist es, dass die Gemeinde nicht für den Pastor und seine Geschichten gewonnen wird. Sie bekommt keine Selbstverwirklichungsphilosophie im Sinne von „don’t worry be happy … mit Jesus“.

Stattdessen wird direkt aus der Bibel deutlich gemacht, dass wir alle ein tief in uns verwurzeltes Sündenproblem haben (Röm 3,10ff.; Eph 2,3ff.) und dass wir nur durch Gottes Gnade und den Glauben an Jesus Christus, der stellvertretend für unsere Sünden am Kreuz gestorben und wieder auferstanden ist, errettet werden können.

Festes Vertrauen in die Kraft des Evangeliums ersetzt dabei die Suche nach Gesellschaftsrelevanz und cleveren Marketingstrategien. Statt (eventuell nur scheinbare) Bekehrungen zu zählen, steht biblische Jüngerschaft im Mittelpunkt. Treu dem Missionsbefehl des auferstandenen Jesus folgend (Mt 28,19) werden Menschen zur ernsthaften Nachfolge des Herrn Jesus Christus aufgerufen und nicht zum einmaligen Übergabegebet motiviert.

Für viele der jungen und oftmals hochgebildeten Mitglieder von Devers Gemeinde ist die Kirche nicht nur der Ort für den sonntäglichen Motivationsaufputsch, sondern das Zentrum ihres Lebens. Hier trifft man sich auch während der Woche genauso zum Bibelstudium wie zur Diskussion darüber, wie man als Christ im politischen Geschäft am Capitol Hill oder in der gnadenlosen US Wirtschaft Zeichen setzt.

Als ich als junger Christ 1998 beruflich nach Washington DC kam, ahnte ich nicht, dass Kirche sowohl intellektuell stimulierend als auch geistlich lebendig sein konnte. Aufgewachsen im nominal lutherischen Hintergrund, kannte ich Kirche bis zu meiner Bekehrung im Umfeld einer Pfingstgemeinde als höchst langweilige Institution ohne Relevanz für mein Leben. Im pfingstlerischen Umfeld erlebte ich dann, dass Kirche nicht langweilig sein muss und dass die Bibel kein verstaubtes altes Buch ist. Allerdings lebte ich ständig in dem Konflikt, dass ich im Gottesdienst vorrangig emotional angesprochen wurde, und ich den Eindruck hatte, Christ sein heißt zu fühlen statt zu denken. In Devers Gemeinde, nur wenige hundert Meter vom Sitz des Amerikanischen Parlaments entfernt, erlebte ich eine Befreiung. Hier wird der ganze Mensch gefordert. Gott erleben mit Sinn und Verstand, mit allem was Gott mir gegeben hat. Hier werden nicht seelische Trostpflaster verteilt, hier werden Vollblut-Christen produziert.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland war die Enttäuschung groß, als ich feststellen musste, dass sich viele Pastoren vor allem darauf konzentrieren, ihre Kirchen zu füllen. Auch hier stehen US-amerikanische Konzepte Pate.

Im Fokus sind oft kirchenferne Menschen. Hungrige und motivierte Christen kommen dabei leider oft zu kurz.

In wieder anderen Gemeinden hörte ich von Erlösung und Bekehrung, ohne dass den Menschen gesagt wurde, wovon sie erlöst werden müssen und zu was sie sich bekehren sollen. Viel zu oft werden nach Gott suchende Menschen in unseren Kirchen in dem Glauben gelassen, dass ihre Probleme (das Wort Sünde wird oft vermieden) externer Natur seien und in der Gesellschaft oder ihren äußeren Umständen begründet seien. Die Lösung wäre in ihnen selbst zum Beispiel durch eine Veränderung ihrer Einstellung zur Gesellschaft zu finden. Dabei wird das Evangelium im wahrsten Sinne des Wortes verkehrt. Wenn wir unsere Mitmenschen wirklich lieben und das Evangelium wirklich glauben, dürfen wir uns nicht davor scheuen, deutlich zu machen, dass die Sünde das  Problem in jedem Menschen ist und dass die (Er-)Lösung außerhalb von uns selbst, allein in Gottes Gnade zu finden ist.

Nur wenn Gottes Wort gepredigt wird (und nicht menschliche Anekdoten), wenn Menschen den allmächtigen Gott der Bibel wieder fürchten und lieben lernen, nur dann wird der Gemeinde der eine wahre Gott tatsächlich nahe gebracht. Und wer hat sich jemals in der Gegenwart Gottes gelangweilt? Mit dieser provokanten Frage unterstrich R.C. Sproul eine Überzeugung, die von allen Sprechern der „Together for the Gospel“ Konferenz geteilt wird.

Nach Sproul predigte der krebskranke christliche Bestseller-Autor und Pastor John Piper mit großer Intensität und Dringlichkeit über die absolute Herrlichkeit Gottes, die uns zu grosser Ernsthaftigkeit und Liebe treiben sollte. „Im Angesicht unserer Rebellion gegen Gott und Seine Herrlichkeit ist kein Platz für laue Späße und lediglich unterhaltsame Predigten“, so Piper. Wir brauchen keine Visionen und Konzepte, wir brauchen den biblischen Jesus, und deshalb ist es die dringlichste Aufgabe eines jeden Predigers, die gute Nachricht von Jesus Christus aus dem Alten und dem Neuen Testament zu predigen.

BuG_2006-4_LohmannJohn Piper, dem deutschen Publikum vor allem durch seinen ins Deutsche übersetzte Bestseller „Desiring God“ bekannt, predigt seit 1980 in seiner 4000 Mitglieder zählenden Gemeinde in Minneapolis Woche für Woche exegetisch durch die Bibel. Dabei scheut er sich keinesfalls, den Menschen ihre Sünden zu zeigen und gesellschaftlich hoch umstrittene Themen wie Homosexualität, Ehebruch und Abtreibung klar anzusprechen. Und Sonntag für Sonntag zeigt er, dass Glaube an Jesus Christus, der sich in einem Leben im Gehorsam zu Gottes Wort manifestiert, der einzige Weg zu einem wahrhaft erfüllten Leben und dem ewigen Leben ist.

Auch in Louisville gab sich Piper nicht mit politisch korrekten Andeutungen zufrieden. Er rief die anwesenden Pastoren (größtenteils im Alter zwischen 20 und 40) auf, Gott allein zu fürchten und Sein Wort bedingungslos und mit aller Klarheit zu verkündigen.

Und mit ihm standen die deutlich jüngeren Dever, Mohler und Duncan gemeinsam für das Evangelium ein – „Together for the Gospel“. Das Credo der Konferenz war klar. Menschen muss wieder offen und ehrlich verdeutlicht werden, wie absolut verloren sie ohne Jesus sind, um ihnen dann die Erlösung und Freiheit des Evangeliums zu zeigen. Dies ist nicht unbedingt eine Gemeindewachstumsstrategie. Aber es ist das, wozu wahre Pastoren berufen sind. Die Bibel spricht nirgends von Gemeindewachstum als Ziel. Gemeindewachstum ist, so Gott will, eine Konsequenz von gottgefälligem Predigen und biblischen Gemeinden! Ein tiefes Vertrauen auf Gottes Wort und die Kraft der exegetischen Verkündigung der Bibel eint diese Bewegung. Erfrischend ist dabei, dass diese Einigkeit trotz gewisser theologischer Unterschiede und sehr unterschiedlicher Gottesdienstformen besteht. Devers „9Marks Ministries“ richtet sich dabei nicht nur an eine geschlossene Gruppe, sondern an tausende von Pastoren und Gemeinden verschiedener kirchlicher Hintergründe in den USA und weit darüber hinaus. Ermutigt durch das Vorbild der Protagonisten dieser Bewegung haben sich viele Gemeinden neu orientiert und sich in ihrem Gottvertrauen hinterfragen lassen.

Dever, Piper und andere zeigen, dass Kirche kein Lazarett sein muss. Ihre Gemeinden sind Kaderschmieden für stabile und bibelfeste Christen, die in Kirchen, aber auch in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft neue Akzente für Gott setzen. Hier ist der Glaube nicht nur ein Lippenbekenntnis. Die Bibel wird als Gottes Wort ernstgenommen und steht wieder im Zentrum der Gemeinden, wird konsequent gepredigt und gelebt.


  1. Die durchdachte Kirche. „Womit wir die Menschen gewinnen, dafür gewinnen wir sie“. 

  2. 9Marks of a Healthy Church (9 Kennzeichen einer gesunden Gemeinde). Die neun von Dever diskutierten Kennzeichen sind:  Exegetisches Predigen, Biblische Theologie, Biblisches Verständnis des Evangeliums, Biblisches Verständnis von Bekehrung, Biblisches Verständnis von Evangelisation, Biblisches Verständnis von Gemeinde-Mitgliedschaft, Biblische Gemeinde-Disziplin, Förderung von Jüngerschaft und geistlichem Wachstum, Biblisches Verständnis von Gemeinde-Leiterschaft.