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Bezahlte Mitarbeiter in der Gemeinde

Sollte eine Gemeinde Mitarbeiter vollzeitlich beschäftigen und bezahlen, oder wäre es „biblischer“, wenn etwa Prediger neben ihrer Predigttätigkeit auch einem anderen Beruf nachgehen?

Nicht ganz zu Unrecht kommen in der Gemeinde immer wieder Diskussionen über die biblische Rechtmäßigkeit bezahlter Mitarbeiter auf. Grundsätzlich können wir davon ausgehen, dass jeder Mensch für seine berufliche Tätigkeit entlohnt wird. Das ist auch in der Bibel nicht anders. Die berechtigte Frage stellt sich allerdings, ob das Engagement für Gott zu einer beruflichen Tätigkeit gezählt werden kann. Für die Reformatoren Luther und Calvin war das unstreitig. Jede Arbeit, auch die häusliche oder handwerkliche ist für sie eine Tätigkeit, die Gott loben soll, also Gottesdienst. Demnach gäbe es keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der Tätigkeit des Schreiners und der des Pastors. Beide sollen durch und in ihrer Arbeit Gott verherrlichen. Die Berufung in unterschiedliche Lebensbereiche hätte demnach keinerlei Einfluss auf eine verdiente Entlohnung.

Schwierig wird es, weil wir zu Recht von jedem Christen erwarten, dass er sich für das Reich Gottes engagiert – unentgeltlich natürlich. Warum soll dann der Pastor bezahlt werden? Nun könnte man entgegnen, dass der neben seiner Tätigkeit keine Zeit mehr hat, um einem anderen Beruf nachzugehen, mit dem er sich den Lebensunterhalt verdienen könnte.

Nebenher sollten die meisten Geistlichen aber noch einer anderen praktischen Tätigkeit nachgehen

Das trifft für einen engagierten Prediger durchaus zu. Dann sollte man aber auch erwarten, dass dieser sich mehr als 40 Stunden pro Woche für die Gemeinde einsetzt, zumindest soviel mehr, wie jedes normale Gemeindeglied über seine berufliche Belastung hinaus mitarbeitet. Dass der vollamtliche Mitarbeiter dann für seine „Ausfallzeit“ finanziell entschädigt wird, ließe sich mit alttestamentlichen Regelungen begründen. Zu dieser Zeit war es von Gott vorgeschrieben, die Priester für ihren Tempeldienst zu bezahlen:

„Und siehe, so habe ich den Söhnen Levis alle Zehnten in Israel zum Erbteil gegeben für ihren Dienst, den sie in der Stiftshütte tun.“ (4Mo 18,8ff. 21ff.; 31,25ff.; 5Mo 18,1-4).

Nebenher sollten die meisten Geistlichen aber noch einer anderen praktischen Tätigkeit nachgehen. Das galt bis in die neutestamentliche Zeit hinein, weshalb alle Priester, Pharisäer und Schriftgelehrten neben ihrer geistlichen Tätigkeit einen zivilen Beruf ausübten. So erlernten auch Jesus und Paulus handwerkliche Berufe und übten diese zumindest zeitweilig aus:

„Ist dieser nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria …?“ (Mk 6,3; vgl. Mt 13,55).

Allerdings war Jesus, soweit wir den Evangelien entnehmen können, während seiner dreijährigen Predigttätigkeit nicht mehr nebenberuflich tätig, sondern lebte von den Spenden seiner Zuhörer und Anhänger (z. B. Lk 8,3; 10,7.38). Paulus verdiente sich seinen Lebensunterhalt neben seiner Missionstätigkeit als Zeltmacher. Das tat er, um jedem Vorwurf zuvorzukommen, er wolle sich durch seinen Einsatz für Jesus bereichern: „Ihr erinnert euch ja, Brüder, an unsere Arbeit und Mühe; denn wir arbeiteten Tag und Nacht, um niemand von euch zur Last zu fallen, und verkündigten euch dabei das Evangelium.“ (1Thess 2,9; vgl. Apg 18,1-3; 1Kor 4,12). Als Paulus Geld für die hungernden Christen in Jerusalem entgegennahm, wollte er von Titus begleitet und überprüft werden, damit nicht einmal der Verdacht aufkommen konnte, er wolle sich an dieser Spende bereichern (2Kor 8,16-24). Trotzdem hält er es nicht für falsch oder unmoralisch, wenn jemand, der sich überproportional für die Gemeinde engagiert, dafür auch eine Entschädigung erhält:

„So hat auch der Herr angeordnet, dass die, welche das Evangelium verkündigen, vom Evangelium leben sollen.“ (1Kor 9,14; vgl. 1Kor 9,4-14; 1Tim 5,17f.; 2Thess 3,8f.).

Einmal ließ sich Paulus sogar finanziell von der Gemeinde aus Philippi unterstützen, die ihm außergewöhnlich nahestand (Phil 4,10-20). Auch im Gefängnis wird Paulus von Christen materiell unterstützt, ohne allerdings gleichzeitig Gemeindearbeit betreiben zu können (Apg 28,16ff.). Immer wieder wurde im Zusammenhang mit der Bezahlung verantwortlicher Gemeindemitarbeiter von den Aposteln in übertragenem Sinn auf die alttestamentliche Anweisung aufmerksam gemacht: „Du sollst dem Ochsen nicht das Maul verbinden, wenn er drischt.“ (5Mo 25,4; vgl. 1Kor 9,9; 1Tim 5,18). Diese Aussage wurde von Paulus dahingehend gedeutet, dass so wie der Ochse sich auch der vollzeitige Gemeindemitarbeiter durch seine Anstrengung das Recht auf Unterhalt erworben hat.

Die Gefahr bestand und besteht, dass Menschen sich durch ihre Arbeit im Reich Gottes unrechtmäßig bereichern. Dadurch wird nicht nur Gott verunehrt, der ja eigentlich hinter dem Dienst des Christen steht: „Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst gebt es! Nehmt weder Gold noch Silber noch Kupfer in eure Gürtel.“ (Mt 10,8f; vgl. Apg 3,6; 2Kor 4,7). Selbst ernsthafte Christen stehen in der Gefahr, sich durch die Konzentration auf das eigene Einkommen von ihrer eigentlichen Aufgabe ablenken zu lassen. Paulus warnt seinen engen Mitarbeiter Timotheus, sich nicht auf die materielle Entlohnung zu konzentrieren:

„… Von Menschen, die meinen, die Gottesfurcht sei ein Mittel zur Bereicherung – von solchen halte dich fern! … Wenn wir aber Nahrung und Kleidung haben, soll uns das genügen! Denn die, welche reich werden wollen, fallen in Versuchung … Denn die Geldgier ist die Wurzel alles Bösen, etliche, die sich ihr hingaben, sind vom Glauben abgeirrt. … Du aber, o Mensch Gottes fliehe diese Dinge …“ (1Tim 6,5-11).

Außerdem werden durch ein ansehnliches Gehalt Nicht- oder Halbgläubige verführt, sich in der Gemeinde zu engagieren, um ein geruhsames Auskommen zu haben. Immer wieder kamen in der Bibel (Jer 23,9-40; Hes 13,19; Mi 3,5) und auch in der Kirchengeschichte (z. B. katholische Bischöfe, rationalistisch neuzeitliche Pfarrer) Unfähige und Heuchler in gemeindliche Dienste, wenn diese zu gut honoriert wurden:

„Doch sie sind auch gierige Hunde, die nicht wissen wann sie genug haben; und sie, die Hirten, verstehen nicht aufzupassen; sie alle wenden sich auf ihren eigenen Weg, jeder sieht auf seinen Gewinn.“ (Jes 56,11).

Hier besteht die Gefahr, dass christliches Engagement zum Geschäft wird

Auch Jesus warnt vor dem „Mietling“, der weniger aufgrund eigener Überzeugung, sondern weit eher wegen guter Bezahlung seinen Dienst tut; der, wenn es darauf ankommt, aber unzuverlässig ist (Joh 10,12f.; vgl. Hes 34,2-6). Um falscher Dienst-Motivation zuvorzukommen, sollte ein vollzeitlicher Gemeindemitarbeiter deshalb nie mehr als das Durchschnittsgehalt seiner Gemeindeglieder oder der Gesamtbevölkerung erhalten. Absurd und in höchstem Maße ungeistlich wäre es natürlich, wenn der Pastor dann nur noch Reiche evangelisiert, um seinen potentiellen Lohn zu steigern. Trotz allem Bemühen wird es wahrscheinlich immer wieder vorkommen, dass Menschen sich im geistlichen Dienst ungerechtfertigt persönlich bereichern. Das zeigt überdeutlich das Beispiel der amerikanischen Fernsehprediger, die oftmals mehrere Millionen Dollar im Jahr verdienen, also durch die Verkündigung des Evangeliums reich werden (z. B. Joyce Meyer, Benny Hinn). Hier besteht die Gefahr, dass christliches Engagement zum Geschäft wird. Der Dienst für Gott kann und darf nie als Weg individuellen Karrierestrebens oder Wohlstands missbraucht werden.

Selbstverständlich darf die Gefahr missbräuchlicher Selbstbereicherung gemeindlicher Mitarbeiter nicht zur Rechtfertigung von Geiz und Habsucht anderer Gemeindeglieder dienen. Wer nicht bereit ist, die Arbeit im Reich Gottes auch materiell zu unterstützen, kann sich kaum mit dem Hinweis auf die mögliche Habgier des Pastors rechtfertigen.

„Den Reichen … gebiete ich, nicht hochmütig zu sein, auch nicht ihre Hoffnung auf die Unbeständigkeit des Reichtums zu setzen … Sie sollen alles reichlich zum Genuss darreichen. Sie sollen Gutes tun, reich werden an guten Werken, freigiebig sein, bereit, mit anderen zu teilen …“ (1Tim 6,17ff.; vgl. 2Kor 8,1-4).

Bei aller Diskussion sollte nicht vergessen werden, dass vollamtliche Mitarbeiter für die Gemeinde oftmals von weniger Gewinn sind als teilzeitlich beschäftigte.

Wer nicht mehr in einem säkularen Beruf arbeitet, hat weniger Kontakte zu ganz normalen Ungläubigen, die er doch erreichen will, er hat weniger Einblick in das normale Berufsleben und steht in der Gefahr, in seinen Predigten weltfremd zu werden. – Die allermeisten Prediger und Pfarrer vergangener Jahrhunderte bestellten neben ihrer geistlichen Arbeit noch einen Acker oder waren handwerklich tätig. Wobei diese Aufspaltung der Arbeitskraft nicht immer der intensiven geistlichen und lehrmäßigen Betreuung der Gemeindeglieder zugute kam. – Abgesehen davon wächst der gemeindliche Einfluss vollzeitlich angestellter Mitarbeiter überproportional, weil sie ja alle Zeit und Energie zur Durchsetzung ihrer Sichtweisen einsetzen können. Dadurch schwindet allmählich der Einfluss und die Mitsprache anderer verantwortlicher Geschwister und die Gefahr mangelnder gegenseitiger Korrektur wächst.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass die Bibel eine Bezahlung für geistliche Aufgaben kennt, eine solche Tätigkeit aber immer die Ausnahme war, oftmals auch nur als Teilzeitanstellung verstanden wurde und immer wieder missbraucht worden ist.