ThemenPredigten und Bibelarbeiten

Praktisches Gemeindeleben und die Liebe zu den Geschwistern

Was bedeutet es eigentlich, aus und in Liebe zu leben?

Als Christen der Endzeit leben wir unter der ständigen Gefahr, in einen bedrohlichen Zustand der erkalteten Liebe (Mt 24,12) zu verfallen. Das ist keine Feststellung eines besonders schlauen und weitsichtigen Theologen, sondern eine prophetische Aussage des Herrn Jesus in seiner Endzeitrede vor seinen Jüngern. Wir nehmen diese Worte sehr ernst und sind bemüht das wunderbare Geschenk der Liebe immer wieder hochzuheben, zumal die Liebe unter den Christen ein Imperativ und nicht eine unverbindliche Preisempfehlung ist (Joh 13,34).

Ich nehme an, daß es vielen Christen genauso geht wie mir: Man fragt sich oft, ob die Aktivitäten des Alltags aus Liebe getan wurden, ob das Verhältnis zu einzelnen Geschwistern in der Gemeinde von Liebe geprägt ist, und wenn man zu jemandem keine besonderen Gefühle merkt, ist das schon Lieblosigkeit? Gibt es eine Art Teststreifen für einen Christen, anhand dessen man erkennen könnte, ob man (selbst) noch in der Liebe die Beziehungen zu anderen Gläubigen pflegt?

Die Antwort auf diese Frage würde uns einfacher fallen, wenn wir das Wort „Liebe“ = agapae, nicht automatisch mit den Inhalten aus den Medien vergleichen würden, um dann postwendend sich von den letzteren zu distanzieren.

Im Folgenden wollen wir versuchen den Begriff agapae von der Bibel her mit uns verständlichen, im Alltag anwendbaren, und womöglich noch meßbaren, jedenfalls in der Selbstprüfung erkennbaren Inhalten zu füllen.

Etwas Statistik:

Der Begriff „Liebe“, „lieben“ wird im Urtext des NT durch zwei verschiedene Worte wiedergegeben: Das uns bekannte Wort agapae, bzw. das entsprechende Verb agapan, über 240 mal, und das etwas schwächere phileo mit den jeweiligen Abwandlungen, ca. 40 mal. Also ein Verhältnis von 86% zu 14%. Genau genommen drückt diese Statistik nur soviel aus, daß jedesmal, wenn wir in der Bibel das deutsche Wort „Liebe“, bzw. „lieben“ usw. lesen, es sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 6:1 um agapae, agapan handelt. Um ein reines, sich mitteilendes Gefühl, das sich nur schwer in Worte kleiden läßt, um eine starke Verbundenheit, ja eben Liebe! Das griechische Wort phileo, philein, heißt dagegen soviel wie Freund bzw. Freundschaft pflegen, gern haben, Sympathie empfinden, mögen, etc. Um sich selbst auf die Echtheit der Liebe zu den Geschwistern im Glauben zu hinterfragen, ist bloßes Übersetzen folglich zu mager. Da hilft auch die Eselsbrücke, agapae sei eben die reine, göttliche, zu 100% sich schenkende Liebe, phileo – die 50% : 50% gebende und nehmende, und das in dem NT nicht vorkommende eros die zu 100% fordernde Liebe bezeichnet, nicht viel weiter. Wer hat denn diesen Vergleich nicht in irgend einer Predigt schon gehört, oder sogar selbst angewandt?

Eine entscheidende Begleiterscheinung

Gibt es einen Teststreifen für Liebe?

In Phil 1,8, sowie in 1Thess 3,6 wird meines Erachtens eine entscheidende Begleiterscheinung der Liebe erwähnt: die Sehnsucht nach Gemeinschaft. „…und uns die gute Botschaft brachte von eurem Glauben und eurer agapae …und euch sehr verlangt uns zu sehen.“ Agapae ist folglich eine Beziehung, die eine Trennung, im Gegensatz zu phileo, nicht ertragen kann. Ich bin überzeugt, daß uns die Bibel an dieser Stelle eine sehr konkrete Meßlatte gibt, anhand derer wir unser Verhältnis zu anderen Christen prüfen können!

Es ist wirklich interessant und aufschlußreich, anhand dieser Feststellung die Bibelstellen zu umschreiben, in denen das Wort agapae vorkommt. Hier einige Beispiele:

Joh 3,19: „Die Welt agapae die Finsternis mehr, als das Licht“ = „ Die Welt hatte mehr Sehnsucht nach Gemeinschaft mit der Finsternis, als mit dem Licht“.

Joh 3,16: „So sehr hatte Gott die Welt agapan, daß er seinen einzigen Sohn gab, auf daß alle…“ = „So sehr hatte Gott eine Sehnsucht nach Gemeinschaft mit der Welt gehabt, daß er seinen einzigen Sohn gab, …“

1Joh 3,16: „Daran haben wir die agapae erkannt, daß er sein Leben für uns gelassen hat;…“ = „Daran haben wir die (seine) Sehnsucht nach Gemeinschaft erkannt, daß er sein Leben für uns gelassen hat; …“

Liebe ist eine Beziehung, die keine Trennung ertragen kann

Also, ob im negativen Sinn, oder positivem, in beiden Fällen, ist die Sehnsucht nach der jeweiligen Gemeinschaft eine sehr vordergründige Begleiterscheinung der agapae. (Stell dir vor, jemand behauptet verliebt zu sein, und unternimmt nichts, um mit der jeweiligen Person Gemeinschaft pflegen zu können. Solche Behauptung wäre ein nacktes Lippenbekenntnis!)

Folgerungen

Wenn wir plötzlich feststellen, daß wir keinerlei Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit Geschwistern im Glauben haben, oder sogar eine Abneigung, was einem Haß gleichkäme, sich in uns breit macht, dann ist höchste Gefahr da. Das bedeutet, daß wir dann schon einen gewissen Prozeß der „Abkühlung“ absolviert haben. Für unser Glaubenswachstum, ja für unser Glaubensleben hat das Konsequenzen. Wir dürfen es uns nicht einbilden, daß man die Lieblosigkeit, die man bei sich am allerschnellsten feststellen kann (1Kor 2,11), unter einem frommen Mantel verbergen könnte.

Liebe ist Sehnsucht nach Gemeinschaft

  1. Durch fehlende Liebe, auch wenn das noch so gut getarnt ist, mache ich mein christliches Zeugnis (und womöglich auch das der Anderen) unsichtbar, unhörbar, unbrauchbar, denn nach Joh 13,35 ist die Liebe das Erkennungsmerkmal der Christen vor der Welt schlechthin. Das bedeutet, daß meine missionarischen und evangelistischen Bemühungen kraftlos wirken, ohne jeglichen Sinn, abseits von Gottes Verheißungen und Segnungen bleiben.
  2. Nicht nur das Wirken nach außen, sondern auch der Einsatz in der Gemeinde ist bei fehlender Sehnsucht nach Gemeinschaft (Liebe) wirkungslos. Das Gabenpotential, das Gott mir zugedacht hat, bleibt dann fruchtlos (1Kor 13,1-3). Wie sollte es auch anders sein? Wir werden ja aufgerufen mit den Gnadengaben zu dienen, zum Teil geistliche „Dienstleistungen“ an Geschwistern im Glauben zu vollziehen (1Petr 4,10)! Wenn da keine Liebe herrscht, dann landet doch alles in bloßer Betriebsamkeit!
  3. In 1Joh 4,20b ist uns wahrscheinlich die allerschlimmste Auswirkung der fehlenden Liebe aufgezeigt: „Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?“. Im Klartext bedeutet diese Bibelstelle folgendes: Wenn wir keine Lust an der Gemeinschaft mit Geschwistern haben, haben wir auch keine Sehnsucht nach Gemeinschaft mit Gott! Dies hat wiederum eine unmittelbare Auswirkung auf das Gebetsleben. Unser Gebet wird oberflächlich, spröde, schemenhaft und kraftlos.

Diagnose und Ausweg

Gibt es ihn überhaupt? Kann man mit frommen Parolen die fehlende Liebe überwinden bzw. ersetzen? Oder ist es gar möglich, daß man sich zur Liebe (Sehnsucht nach Gemeinschaft) zwingen könnte?

Nun, die Bibel gibt uns nur auf die erste Frage eine positive Antwort, und das in Hebr 10,24-25a:

„… laßt uns … uns gegenseitig zur agapae (zur Sehnsucht nachGemeinschaft) und guten Werken anreizen, indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen …“.

Das bedeutet soviel, das der Besuch, der einfache Besuch von Versammlungen der Gläubigen dazu beiträgt, daß die Liebe gestärkt und aufrecht erhalten bleibt.

Auch die ersten Gemeinden hatten Probleme mit der Unverbindlichkeit

Ja, das stimmt, auch die Urgemeinde hatte mit dem Problem der Unverbindlichkeit zu kämpfen und Gott ließ die Konsequenzen in der obenzitierten Bibelstelle sehr deutlich klarmachen, aber das Phänomen der erkalteten Liebe wird in besonderer Art und Weise in der „letzten Zeit“ vorhanden sein (Mt 24,12). Ich möchte das mit einem Bild einer spiralförmigen Abwärtsbewegung vergleichen: Fehlende Verbindlichkeit im Besuch der Gemeindeveranstaltungen führt zur schwindenden Liebe und sie wiederum zu noch größerer Unverbindlichkeit, das führt zu noch weniger Liebe … und so weiter und so fort.

Ich würde dich ermutigen dir die Mühe zu machen und eine ehrliche Bestandsaufnahme durchzuführen. Auch wenn es irgendeine Ablehnung gegeben hatte, so denke daran, daß Gott bei Menschen auch auf Ablehnung stieß. Aber seine agapae, seine Sehnsucht nach Gemeinschaft mit Menschen war so groß, daß er seinen einzigen Sohn gab. Manchmal kann Ablehnung eben nur durch Opfer überwunden werden

Ohne Liebe zu den Geschwistern keine Gemeinschaft mit Gott?

Oder mußt du eine Korrektur in deinen Terminplanungen vornehmen? Was ist dir teurer: ein ausgewogenes Christsein mit einer reichen Gemeinschaft am Wort Gottes, oder eine Unverbindlichkeit, die dich und die Anderen unglücklich macht?

Vielleicht muß in deinem Leben Klarschiff gemacht werden? Dinge, die zwischen dir und Gott, zwischen dir und anderen Menschen stehen, offengelegt und vergeben werden? Jedenfalls muß zuerst der Auslöser, der zur Abkühlung der Liebe führte, definiert und bereinigt werden. Oft braucht man an dieser Stelle die Begleitung und Hilfe einer Vertrauensperson, eines Seelsorgers.

Und dann der zweite Schritt: Buße tun (Offb 3,19). Buße deshalb, weil du dich zur Unverbindlichkeit verleiten und hinreißen hast lassen, unabhängig von dem dahinter stehenden Auslöser. Buße, weil die Welt um dein Zeugnis ärmer wurde und die Gemeinde deinen Platz in ihrem Dienstgeflecht durch Andere ersetzen mußte. Buße, weil deine Liebe zu Gott in einem bedrohlichen Stadium ist.

Es gibt einen Ausweg aus dem Zustand der erkalteten Liebe! Aber das Überraschende dabei ist, daß man diesen Weg nicht allein zu gehen braucht. Jesus ist auch in dieser Sache unser treuer Begleiter, denn:

„… der in euch angefangen hat das gute Werk, er wird es auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“ (Phil 1,6).

Zusammenfassung

  • Jeder von uns steht in der Gefahr, daß seine Liebe zu den Geschwistern in der Gemeinde erkalten kann.
  • Liebe (agapae) ist eng mit der Sehnsucht nach Gemeinschaft verbunden. Erstes Zeichen der mangelnden Liebe ist im Ausweichen von Gemeindeveranstaltungen erkennbar.
  • Letztendlich kann jeder Christ nur sich selbst auf den „Prüfstand der Liebe“ stellen (1.Kor 2,11).
  • Fehlende (erkaltete) Liebe geht an uns nicht spurlos vorbei. Das äußert sich im Zeugnis vor der Welt, Leben in der Gemeinde und im Verhältnis zu Gott.
  • Es ist unerheblich, was die Liebe auskühlte, was zum Auslöser dieses verheerenden Prozesses wurde, der Weg zurück ist nur über die Buße möglich (Off 3,19).
  • Du bist auf dem Pfad „zurück zur Liebe“ nicht allein. Jesus ist auch hier dein treuer Begleiter. Der Gewinner solcher Aktion bist du selbst.