ThemenKritik der Bibelkritik

Ist Bibeltreue ein fundamentalistisches Anliegen? War Jesus ein Fundamentalist?

Dieser Vortrag fragt nach dem Anliegen und der Definition eines „biblischen Fundamentalismus“.

Im Jahr 2004 wurde ich gebeten, auf einer Tagung an der Evangelischen Akademie Baden (12.11.2005) einen Vortrag zum Thema „Das Anliegen des biblischen Fundamentalismus“ zu halten. Mir war nicht klar, über was ich eigentlich sprechen sollte. Das Problem ist nämlich, dass „der Fundamentalismus“ heute sehr willkürlich definiert wird. Sollte ich über das Anliegen der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel (STH BASEL) sprechen? Ich denke nicht, dass die STH BASEL „fundamentalistisch“ ist. Sollte ich über eine andere christliche Gruppierung sprechen? Wenn ja, über welche? Würde ich mich dabei nicht „fundamentalistisch“ über andere Glaubensgeschwister hermachen? Das wollte ich verhindern. Nach einem längeren Telefongespräch über die Problematik habe ich schlussendlich zugesagt, den Vortrag zu halten. Ich habe ihn dann unter Stress vorbereitet und auch gehalten. Das Thema habe ich folgendermaßen gestellt: „War Jesus ein Fundamentalist? Das Anliegen des ‚christlichen Fundamentalismus’“. Es gab einige positive Reaktionen. Nun soll dieser Vortrag den Lesern von „Bibel und Gemeinde“ zugänglich gemacht werden.

Ende Oktober 2007 nahm ich in Basel an einem Podiumsgespräch zum Thema „Sind Christen Fundamentalisten?“ teil. Auch bei diesem Gespräch wurde einmal mehr sichtbar, dass man sich gern von einem „Fundamentalismus“ abgrenzt, den es in Wirklichkeit zumindest im Christentum kaum gibt, wenn man genau hinschaut. Die Definitionen von „Fundamentalismus“ sind dabei oft sehr willkürlich. Man merkt leider nicht, wie man „fundamentalistisch“ gegen Feindbilder kämpft, ohne irgendjemandem damit zu dienen. Andererseits meine ich, dass wir als Christen, die wir bibeltreu sein möchten, oft durchaus zu wenig selbstkritisch sind.

Einleitung

Wie sich im Laufe des Vortrags herausstellen wird, ist es meines Erachtens nicht möglich, hier heute über „das Anliegen des christlichen Fundamentalismus“ zu sprechen. Die erste Frage ist, ob es überhaupt „den christlichen Fundamentalismus“ gibt, und die zweite Frage, wer dann damit gemeint ist. Soll ich heute über „unser“ Anliegen reden oder über das Anliegen einer anderen Gruppierung innerhalb der Christenheit? Das sind meines Erachtens Fragen, die wir zuerst klären müssen. Deshalb möchte ich zuerst die Frage stellen, wer denn mit dem „christlichen Fundamentalismus“ gemeint sein könnte, dann eine kritische Reflexion sowohl über den „christlichen Fundamentalismus“ als auch über die Kritik am „christlichen Fundamentalismus“ machen, bevor ich dann am Schluss mein theologisches Anliegen kurz darlege.

1. Wer ist gemeint?

Der Begriff „Fundamentalismus“ diente ursprünglich gemäß Küenzlen als Selbstbezeichnung
„einer Bewegung, die sich in den 70er Jahren des 19. Jh. als Zusammenschluss prot.-konservativer Gruppen in den USA formierte und sich 1919 zur ‚Word’s Christian Fundamentals Association’ vereinigte. Von F. ist schriftlich zum ersten Mal die Rede im Titel einer Schriftenreihe, die von 1909-1915 in den USA unter dem Titel ‚The Fundamentals – A Testimony to the Truth’ erschien.“1

In dieser erwähnten Publikation, einer zwölfbändigen Reihe „zur Verteidigung der prot. Orthodoxie und der traditionellen Bibelauslegung gegen die hist.-krit. Wiss.“,2 werden die folgenden fünf unaufgebbaren Grundlagen („fundamentals“) des Christentums hervorgehoben:3

  • Die Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel
  • Die Gottheit von Jesus Christus
  • Die Jungfrauengeburt von Jesus
  • Jesus’ stellvertretendes Sühneopfer am Kreuz
  • Die leibliche Auferstehung und persönliche Wiederkunft von Jesus

Mit diesen „Grundlagen“ hängt auch die Ablehnung der Evolutionslehre zusammen. Zehnder bemerkt, dass das Schriftverständnis alle anderen Lehren prägt.

„… so hat z.B. die Jungfrauengeburt aufgrund der zu glaubenden, irrtumsfreien bibl. Vorgaben oftmals nur einen formalen Sinn ohne theol. Bedeutung und fungiert als Prüfstein echten Glaubens. Jede Theol., die nicht mit der Lehre von der irrtumlosen Autorität der Schrift beginnt, ist für den F. irrelevant.“4

Das Anliegen des Fundamentalismus war, einer Modernisierung und Liberalisierung des Christentums entgegenzuwirken. In den 80er Jahren erlebte der Begriff eine bedeutende Ausweitung und wurde zur Bezeichnung der unterschiedlichsten religiösen, aber auch politischen und sozialen Strömungen und Bewegungen gebraucht. Dazu schreibt Küenzlen:

„Damit verband sich eine zunehmende Unschärfe des Begriffs, der sich kaum mehr von Bez. wie Antimodernismus, Fanatismus etc. unterscheiden lässt und sich zudem in Wiss. und Publizistik als polemischer Kampfbegriff gegenüber denjenigen Strömungen und Bewegungen verbreitete, die sich dem eigenen liberal-modernistischen Weltbild nicht einfügten.“5

Auch Zehnder betont, dass der Begriff „Fundamentalismus“ „negativ gefärbt und meist unscharfe Phänomene und Bewegungen [bezeichnet], die heute in fast allen Konfessionen und Rel. zu finden sind: Im vermeintlichen Besitz eines absolut gewissen, indiskutabel gültigen und verbal definierten Fundaments, das auf eine unzweifelhafte Autorität zurückgeführt werden kann, wird in aggressiver Abgrenzung zur Moderne die Vielfalt der Wirklichkeit auf ein einfaches Deutungsmuster reduziert und Identitätssicherung durch die Zugehörigkeit zu einer exklusiven Gemeinschaft als einzig rettenden Heilsweg ermöglicht.“6

Zehnder stellt fest, dass der christliche „Fundamentalismus“ keine Theologie „als das Bemühen einer universalkirchl. Gemeinschaft von Denkern“ kennt, „die durch gemeinsame Diskussion miteinander versuchen, die Wahrheit des christl. Glaubens in seiner Mannigfaltigkeit zu formulieren.“7 Dazu bemerkt Zehnder:

„Gerettet werden im Gericht nur die Christen, die sich Christus in persönlichem Glauben an die versöhnende Kraft seines Opfertodes übergeben haben. Eine selbstkritische Reflexion über die auswählende Lesart von Schrift und Tradition findet im F. nicht statt; eine theol. Diskussion, inwieweit die Reduktion auf die ‚fünf Fundamente’ Marginales und Wesentliches vermischt, Spannungen im bibl. Befund auflöst, notwendige Unterscheidungen ausschließt, wird verweigert: Die Grundlage des Glaubens ist in irrtumsfreier Schrift und Wiedergeburtserfahrung etwas Gegebenes, das allein apologetisch vertreten werden muss.“8

Gemäß Thielicke sind „Fundamentalisten“ Leute, die an „ungeschichtlichem Diktiermechanismus“ festhalten,9 obwohl heute sicher kaum – wenn überhaupt – ein christlicher Theologe an die Diktattheorie glaubt.10

Külling betont, dass Alttestamentler, die die Urkundenhypothese im Pentateuch ablehnen, gemessen an den fünf „fundamentals“ nicht automatisch als „Fundamentalisten“ bezeichnet werden können, da manche von ihnen diese fünf „Fundamente“ für sich nicht akzeptieren.11

Heute werden zum Teil die „Evangelikalen“12 von den „Fundamentalisten“ unterschieden.13 Nach Hamilton zog die Mehrheit der führenden Persönlichkeiten unter den „Fundamentalisten“ um 1942 vor, „sich auf die moderne Kultur mit dem Ziel einzulassen, sie zu evangelisieren. Im Jahre 1943 gründeten sie die National Association of Evangelicals. … Der entscheidende Moment des Schismas kam 1957, als der evangelikale Erweckungsprediger Billy Graham … sich gegen die finanzielle Unterstützung seiner New York City Crusade durch Separatisten verwahrte. Nur eine Minderheit der Konservativen trat Graham und der Strategie des Sich-Einlassens entgegen, davon gehörten die meisten zu fundamentalistischen Denominationen. Seitdem wird der Begriff ‚F’ im strengen Sinne nur noch für diese Gruppen verwandt, auch wenn aus polemischen Gründen häufig alle traditionalistischen Protestanten im weiteren Sinn damit bez. werden …“14

In einem Leserbrief an den Tages-Anzeiger (Zürich) vom 15. Juli 2005 (S. 21) macht ein Leser folgende Unterscheidung: „Evangelikal meint, dass man die Bibel nur von der Mitte der Gottesliebe in Jesus Christus her liest, also ein hermeneutisches Prinzip anwendet, welches nicht unbedacht isoliert Sätze der Bibel als Gottes Wort nimmt, was der Fundamentalismus tut.“ Allerdings habe Meier (der im Tages-Anzeiger zum Thema einen Artikel veröffentlicht hatte) in seiner Kritik Recht, „wo auch Evangelikale der westlichen Welt ‚fundamentalistisch’ sind, nämlich in der Lieblosigkeit, mit welcher oft die Diskussion geführt wird. Im Christsein geht es um die bedingungslose Liebe, welche gerade dem Andersdenkenden zuteil werden soll.“

Junk sieht in seiner Marburger Dissertation über die deutsche Evangelikale Bewegung Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem heutigen evan- gelikalen und dem fundamentalistischen Glauben in den USA.15 Gemeinsamkeiten sind demnach:

  • Beide betrachten die Bibel als höchste Autorität für Lehre und Leben des Christen.
  • Beide glauben an das stellvertretende Sühneopfer von Jesus Christus und an seine leibliche Auferstehung von den Toten.
  • Beide erwarten die sichtbare Wiederkunft von Jesus Christus.
  • Beide betonten Bekehrung und persönlichen Glauben an Jesus Christus als Bedingung der Rettung von der ewigen Verdammnis.

Die „Fundamentalisten“ vertreten jedoch zusätzlich zu den „Evangelikalen“:

  • Die Verbalinspiration und als Folge die Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Bibel im Urtext in allen ihren Aussagen.
  • Die strikte Ablehnung der modernen Theologie (hist.-krit. Methode).
  • Die Neigung zu der Überzeugung, Christen könnten nur ganz bestimmte politisch-ökumenische Anschauungen haben.
  • Eine Tendenz zur Verabsolutierung des eigenen Standpunktes mit der Folge, dass all Andersdenkenden in ihren Augen keine wahren Christen sind.

Junk ergänzt:
„Tatsächlich sind die Grenzen zwischen beiden Gruppen fließend, und es scheint nicht wenige Evangelikale zu geben, die den ersten beiden speziell fundamentalistischen Punkten zustimmen, während sie die politischen Ansichten und den Exklusivitätsanspruch der Fundamentalisten nicht teilen können.“16

Wo es um die Stellung der Evangelikalen zu Schrift und Bekenntnis geht, spricht Junk vom „gemäßigten Biblizismus“ („reformatorischer Ansatz“) und vom „strengen Biblizismus“ („fundamentalistischer Ansatz“).17

Damit sehen wir, dass das Bild sehr komplex ist. Wer ist unter den Christen heute ein „Fundamentalist“? Was sind die Kriterien, nach denen geurteilt wird? Gelten die gleichen Kriterien auch für andere außerchristliche Gruppierungen? Oder gelten diesbezüglich andere Maßstäbe? Ist die Kritik an „den christlichen Fundamentalisten“18 berechtigt bzw. was ist berechtigt? Über diese Fragen möchte ich nun im Folgenden nachdenken.

2. Kritische Reflexion

Hier stellt sich vor allem die Frage, wer oder was als „christlicher Fundamentalist/Fundamentalismus“ betrachtet werden darf/sollte, und damit auch die Frage, wer oder was zu verteidigen oder zu „kritisieren“ ist. Gerhard Gronauer schreibt dazu in einem Artikel mit dem Titel „Ob radikale Evangelikale Deutschland unterwandern? Eine Auseinandersetzung mit Richard Ziegerts Fundamentalismusschelte“,19 dass es drei mögliche Definitionen des Fundamentalismus-Begriffes gebe.

  1. „ Der konservative Flügel des Evangelikalismus, der den noch unbestimmt gelassenen Glauben an die Schriftautorität auf die Lehre von der biblischen Unfehlbarkeit (infallibility) bzw. Irrtumslosigkeit (inerrancy) festschreibt. Daraus ergibt sich z.B. die radikale Ablehnung der Evolutionslehre.
  2. Das unbeirrbare und unnachgiebige Festhalten an bestimmten Positionen, das keine Relativierungen zulässt; hier kann man auch von islamischem, jüdischem oder grünem Fundamentalismus sprechen. Gemeint sind ‚nicht bestimmte Inhalte einzelner Weltbilder …, sondern die Haltung und das Verhalten gegenüber von Menschen, die andere Weltbilder vertreten.’20
  3. Eine Kombination von beiden Definitionen: Fundamentalisten sind solche konservativen Evangelikalen, die keine anderen Weltbilder zulassen, sondern in dem Bewusstsein des Wahrheitsbesitzes unnachgiebig gegen sie vorgehen.“

Gronauer selbst plädiert „für die Verwendung dieser dritten Definition anstelle der ersten, denn wenn überhaupt, dann kann nur diese dritte Gruppe eine Gefahr für unsere freiheitliche Gesellschaft und unsere plurale Volkskirche darstellen.“

Wenn man heute vom Fundamentalismus spricht, so meint man damit also grundsätzlich Menschen, die einen Extremismus vertreten und damit religiöse oder politische Fanatiker sind.

Dagegen bezeugt Prof. Dr. Helmut Thielicke den „Fundamentalisten“ in den USA Folgendes:

„Ich habe dankbar und respektvoll bemerkt, dass die Fundametalisten in diesem Lande die Substanz des christlichen Glaubens bewahren möchten und dass sie nicht selten die verlässlichsten und zu jedem Opfer bereiten Glieder ihrer Gemeinden sind. … Und ich übersehe keineswegs, dass sie die Güter des Glaubens unverletzt von Geschlecht zu Geschlecht weitergeben wollen und sie deshalb dem Wind des jeweiligen Zeitgeistes nicht aussetzen möchten. Sie haben wirklich ein großes geistliches Kapital in Händen.“21

Deshalb stellen sie für Thielicke nicht eine Gefahr für den Leib des Christus dar; vielmehr hätte ihr Verlust schwerwiegende Folgen: „Wenn die amerikanische Christenheit diese oft lebendigsten Glieder an ihrem Leibe verliert …, dann könnte das tödlich für sie sein.“22

Man fragt sich da schon, ob hier von verschiedenen Gruppierungen die Rede ist, da die Beurteilung so unterschiedlich ausfällt, oder ob dieselbe Gruppierung von verschienen Perspektiven aus beurteilt wird. Zu dieser Frage gibt es sicher keine einfache und eindeutige Antwort.

Unter allen Gruppierungen gibt es Extremismus und Fanatismus

Ich persönlich meine, dass es im fundamentalen „Evangelikalismus“ sicher wie unter allen Gruppierungen Extremismus und Fanatismus gibt. Zu oft sind Christen, die aufrichtig bibeltreu sein möchten, sich selbst Maßstab und setzen ihr eigenes Verständnis der Bibel absolut. Dementsprechend wird eigentlich schon jede Person als nicht bibeltreu betrachtet, die in dem einen oder anderen Punkt etwas anders denkt. Auch ihr Umgang mit Personen, die in einzelnen Punkten anders denken, ist nicht immer von einer Haltung geprägt, die sich auch selbstkritisch hinterfragt. Ob sie deshalb schon „gefährliche Fundamentalisten“ sind, ist eine andere Frage.

Auf jeden Fall sollte man vorsichtig sein und nicht jeden Christen, der davon ausgeht, dass die ganze Bibel Gottes Wort ist und uns die göttliche Wahrheit offenbart und dass Jesus Christus der einzige Erlöser der Menschheit ist, als „fanatischen Fundamentalisten“ beschimpfen. Denn dann setzt man sich selbst dem Verdacht aus, „fundamentalistisch“ zu sein.

Wer bestimmt, wann ein Mensch ein „Fundamentalist“ ist? Wenn wir diesen Begriff benutzen, sollten wir immer erklären, was wir damit meinen. Meinen wir z.B. jemand, der eine feste Überzeugung hat und diese Überzeugung absolut setzt? Dann gibt es wohl nicht weniger „Fundamentalisten“ unter den historisch-kritischen Theologen als unter den so genannten „Evangelikalen“, die diese Methode (nicht ohne Begründung) ablehnen. Sind „christliche Fundamentalisten“ Menschen, die in der Bibel Marginales und Wesentliches vermischen? Dann kann man Christen, die gemäß der eigenen Bestätigung der Bibel von ihrer Irrtumslosigkeit ausgehen, nicht einfach als „Fundamentalisten“ bezeichnen. Sind es Christen, die keine Theologie „als das Bemühen einer universalkirchl. Gemeinschaft von Denkern, die durch gemeinsame Diskussion miteinander versuchen, die Wahrheit des christl. Glaubens in seiner Mannigfaltigkeit zu formulieren“, kennt,23 dann kann man auch nicht einfach die Theologen, welche die historisch-kritische Methode ablehnen, als „Fundamentalisten“ bezeichnen. Denn sie bemühen sich zumindest oft sicher nicht weniger um eine sachliche Auseinandersetzung mit anders denkenden Theologen, als das bei den kritischen Theologen der Fall ist.

Was berechtigt uns, im gleichen Atemzug vom christlichen und vom islamistischen „Fundamentalisten“ zu sprechen?

Versteht man darunter „kämpferische Geister“, so muss man sicher zugeben, dass „Fundamentalisten“ oft mit „fleischlichen Waffen“ kämpfen, statt, wie Paulus betont, mit „geistlichen Waffen“ (vgl. 2Kor 10,3-6). Doch gilt dieses Kriterium zweifelsohne nicht nur für Menschen, die an der Irrtumslosigkeit der Bibel festhalten. Sind „Fundamentalisten“ Menschen, die „unbedacht isoliert Sätze der Bibel als Gottes Wort“ nehmen, so kann man dieses Argument auf einzelne Menschen aus allen verschiedenen Gruppierungen der Christenheit beziehen, während es andererseits bibelgläubige Christen gibt, die als „Fundamentalisten“ beschimpft werden, welche sehr bemüht sind, die Bibel in ihrem gesamten Zusammenhang (und auch in ihrem historischen Zusammenhang) zu verstehen und zu deuten. Und außerdem sollten wir ehrlich sein: Wer ist nicht schon mal einseitig in seiner Bibelinterpretation?!

Was berechtigt uns, im gleichen Atemzug z.B. vom christlichen und vom islamistischen „Fundamentalisten“ zu sprechen? Ich meine, nichts, wenn das Kriterium für den „christlichen Fundamentalisten“ das Bekenntnis zur Irrtumslosigkeit der Bibel ist. Werden die Kriterien nicht sehr subjektiv ausgewählt?

Werden hier nicht Prinzipien, zu denen man sich bekennt, radikal verletzt, wie z.B. das Aufeinander-Zugehen, religiöse Randgruppen nicht zu unterdrücken oder offen zu sein für andere Weltanschauungen, wie es z.B. in der Charta Öcumenica heißt:

„Wir verpflichten uns,

  • Selbstgenügsamkeit zu überwinden und Vorurteile zu beseitigen, die Begegnung miteinander zu suchen und füreinander da zu sein;
  • ökumenische Offenheit und Zusammenarbeit in der christlichen Erziehung, in der theologischen Aus- und Fortbildung sowie auch in der Forschung zu fördern.“

Oder auch:
„Wir verpflichten uns,

  • die Religions- und Gewissensfreiheit von Menschen und Gemeinschaften anzuerkennen und dafür einzutreten, dass sie individuell und gemeinschaftlich, privat und öffentlich ihre Religion der Weltanschauung im Rahmen des geltenden Rechtes praktizieren dürfen;
  • für das Gespräch mit allen Menschen guten Willens offen zu sein, gemeinsame Anliegen mit ihnen zu verfolgen und ihnen den christlichen Glauben zu bezeugen.“

Wer sagt mir, was ich in der Bibel glauben darf, ohne als „Fundamentalist“ bezeichnet zu werden?

 

Damit zur Frage: War Jesus ein Fundamentalist?

  • Jesus ging von der Göttlichkeit des Wortes Gottes und dessen göttlicher Autorität aus (vgl. z.B. Mt 5,17ff.; Joh 10,35; 17,17).24
  • Jesus lehrt uns, Gewalt gegen den Nächsten abzulehnen und selbst den größten Feind zu lieben (vgl. z.B. Mt 5,38ff.; Lk 10,33ff.).
  • Jesus ging davon aus, dass es nur einen Erlösungsweg für die Menschheit gibt. Dieser Weg ist er selbst (vgl. z.B. Joh 14,6). Auch die Apostel haben diese Tatsache mit aller Deutlichkeit verkündet (siehe z.B. Apg 4,12; 1. Tim 2,4-6).

Natürlich kann man behaupten, die nachösterliche Gemeinde habe Jesus das in den Mund gelegt, doch werden die tatsächlichen Beweise für diese Behauptung fehlen.25 Wenn Jesus erstens tatsächlich der Sohn Gottes ist und zweitens wirklich so gelehrt hat, wie in den Evangelien berichtet wird, dann werden wir doch wohl nicht behaupten, wir wüssten es besser? Dann kann man aber wohl doch auch nicht die Christen, die ebenso wie Jesus sich in ihrem Denken dem Wort Gottes unterordnen und die sich ständig selbstkritisch vom Wort Gottes her in ihrem Denken und Handeln hinterfragen, als „unverbesserliche Fundamentalisten“ beschimpfen. Wer sagt mir, was ich in der Bibel glauben darf, ohne als „Fundamentalist“ bezeichnet und damit der Einseitigkeit und des Fanatismus beschuldigt zu werden?

Es ist also unmöglich, heute über „das Anliegen des biblischen Fundamentalismus“ zu sprechen. Deshalb möchte ich im Folgenden über mein theologisches Anliegen sprechen. Ob Sie mich deshalb einen „Fundamentalisten“ nennen wollen, überlasse ich gerne Ihnen.

3. Mein Anliegen

Mein Anliegen für die STH BASEL habe ich in einem Referat im Oktober 2004 den Absolventen und Absolventinnen dieser theologischen Hochschule vorgetragen. Es geht mir vor allem darum, dass wir uns dem eigenen Anspruch der Bibel beugen, da die Bibel göttliche Autorität besitzt. Das hat nichts damit zu tun, dass eine solche Theologie subjektiver bzw. weniger wissenschaftlich wäre als die historisch-kritische Theologie (sie arbeitet – wenn sie wissenschaftlich ist – auch mindestens genauso sorgfältig historisch wie die so genannte „historisch-kritische Methode“, ist auch kritisch, wobei sie die „Ergebnisse“ der „kritischen“ Theologie historisch-kritisch hinterfragt).

Vielmehr ist das in der Kirchengeschichte die Haltung und Überzeugung der großen Mehrheit der Christen gewesen. Und sie entspricht unserer Überzeugung nach dem Wesen der Bibel. Denn die Bibel bestätigt nicht nur ihre absolute Wahrhaftigkeit,26 sondern in der biblischen Geschichtsschreibung werden dementsprechend Grundsätze angelegt,27 wie z.B.:

  • Das Geschehene muss mindestens von zwei oder drei Zeugen bezeugt werden (vgl. Lk 1,1-3; Apg 1,3.21-22; 26 26; 1Kor 15,6.14-15; 2Kor 13,1).
  • Diese Zeugen wissen sich der Wahrheit verpflichtet (Apg 26,25; Eph 4,25; 1Petr 2,1).28
  • Sie wissen, dass sie einmal vor Gott Rechenschaft ablegen müssen (Röm 14,12; 2Kor 5,10).
  • Weil sie an der erkannten Wahrheit festhalten, müssen sie leiden und werden zum Teil grausam hingerichtet.
  • Sie schreiben unter der Leitung und Inspiration des Geistes Gottes (1Kor 2,13; 1Petr 1,12b), der „der Geist der Wahrheit ist“ (Joh 15,26).

Ich meine, dass wir als christliche Theologen lernen müssen, die Bibel aus ihrer eigenen Sicht zu interpretieren.29 Dabei gilt Luthers Grundsatz: Sacra scriptura … sui ipsius interpres („die Heilige Schrift ist ihr eigener Ausleger“), auch wenn dieser Grundsatz die historisch-wissenschaftliche Bibelforschung nicht überflüssig macht, sondern vielmehr notwendig (es wird den vermeintlichen „Fundamentalisten“ zu Unrecht vorgeworfen, sie würden nicht sorgfältig historische Exegese betreiben).

In meinem erwähnten Referat habe ich u.a. folgende Anliegen betont:

„Die STH BASEL wurde als bibeltreue Alternative zu den staatlichen theologischen Fakultäten gegründet. Für mich ist deshalb klar, dass die STH nur dann einen Auftrag hat, wenn wir uns ganz dem Wort Gottes unterordnen und das biblische Selbstzeugnis über die Wahrheit und Irrtumslosigkeit der Bibel anerkennen. Denn wenn wir anfangen, die Bibel zu ‚kritisieren’, ist sie nicht mehr Richter unserer Gedanken (vgl. Hebr 4,12-13). Eine ‚Hermeneutik der Demut’ im wahren Sinn des Wortes ist also grundlegend. Und darunter verstehe ich eine völlige Unterordnung unter die Aussagen der Bibel, und zwar auch in Bezug auf das, was sie über sich selbst als Wort Gottes sagt. Wir müssen uns vorbehaltlos der biblischen Aussage unterordnen, dass die Bibel Gottes vollkommenes, irrtumsloses Wort ist. … Das bedeutet nicht, dass wir andere verurteilen, die in der Bibel Fehler bzw. Widersprüche finden wollen, auch wenn wir natürlich brüderlich und in aller Liebe, aber auch offen darüber sprechen sollten. Vielmehr müssen wir als Christen fair mit solchen Menschen umgehen. Das heißt für mich aber, dass ich sowohl in meinem Denken als auch in meinem konkreten Handeln bestrebt bin, nach der Bibel zu leben und mich völlig dem Wort Gottes unterzuordnen.“

In Bezug auf die Ziele unserer Ausbildung habe ich Folgendes gesagt:

„Das Anliegen der STH BASEL ist, Theologen auf Hochschulniveau auszubilden, und zwar u.a. mit folgenden Zielen:

  • dass die Studierenden zu geistlich gereiften Christen heranwachsen, die ein geistliches Anliegen für die Gemeinde von Jesus haben.
  • dass die Studierenden eine gute Ausrüstung erhalten, um als Pfarrer, Pastoren, Bibelübersetzer, theologische Lehrer usw. arbeiten zu können.
  • dass sie je nach Berufung und Begabung keine Schwierigkeiten haben, nach dem Studium an irgendeiner theologischen Hochschule ein qualifiziertes Doktoratsstudium zu absolvieren.
  • dass sie fundierte Antworten auf bibelkritische Fragen und Äußerungen geben können.
  • dass sie die verschiedenen Strömungen und Trends im Licht der Bibel beurteilen können.
  • dass sie biblisch-exegetisch und theologisch fundiert arbeiten können, weil das sowohl für den Lehrdienst an einer theologischen Ausbildungsstätte als auch in der christlichen Gemeinde von grundlegender Bedeutung ist. Das schließt u.a. ein, dass die biblischen Sprachen auch weiterhin schwer gewichtet werden, dass die Einführung in die Umwelt und Archäologie der Bibel einen wichtigen Platz einnehmen, dass Einleitungsfragen des Alten und Neuen Testaments gründlich besprochen werden, dass die methodische Einführung in die biblische Hermeneutik und die wissenschaftliche Exegese der Bibel sorgfältig und gründlich gemacht werden usw.
  • dass die Studierenden wissen, wie man im Sinn und auf dem Fundament der Bibel Gemeinde von Jesus baut und Menschen für die verschiedenen Aufgaben im Reich Gottes zurüstet.“

Jesus sagt: „Wer die Wahrheit tun wird, den wird die Wahrheit frei machen“ (Joh 8,31), und er hat ebenso betont:

„Heilige sie in der Wahrheit. Dein Wort ist Wahrheit“ (Joh 17,17). Die Apostel waren bereit, für die Überzeugung, dass Jesus der Erlöser der Menschheit ist, in den Tod zu gehen. Petrus betont seinen Gegnern gegenüber: „Und es ist in keinem anderen das Heil; denn auch kein anderer Name unter dem Himmel ist den Menschen gegeben, in dem wir gerettet werden müssen“ (Apg 4,12).

In jeder Hinsicht brauchen wir heute Menschen, die auf dem klaren Fundament der Bibel auf die vielfältigen Probleme der Menschheit zugehen und helfen. Gerade in unserer Zeit, in der so viele Menschen keinen Sinn im Leben sehen, brauchen sie die Frohe Botschaft des Evangeliums, dass Jesus der Weg zu einem erfüllten Leben ist.

Sie brauchen Vorbilder mit festen Überzeugungen, die bereit sind, ihr Leben für diese biblischen Überzeugungen aufzuopfern, wie sie in Jesus Christus und den Aposteln ein Vorbild haben.

Unser eigentliches Anliegen ist damit, nicht zuerst und vor allem gegen etwas zu sein (wer ist nicht schon gegen irgendetwas?), sondern im positiven Sinn Theologie zu betreiben, die im Einklang mit der Bibel steht und die den Menschen hilft, das Heil Gottes zu erleben und weiterzugehen.


  1. G. Küenzlen, Art. Fundamentalismus, I. Zum Begriff, in: RGG4, Bd. 3, 2000, Sp. 414. 

  2. M. S. Hamilton, Art. Fundamentalismus, II. Religionsgeschichtlich, RGG4, Bd. 3, Sp. 417. 

  3. Vgl. auch S. Külling, Die Bedeutung eines „fundamentalistischen“ Bibelbekenntnisses, in: Fundamentum, Heft 1/2001, S. 24; J. Zehnder, Art. Fundamentalismus, III. Systematisch-theologisch, in: RGG4, Bd. 3, Sp. 422 

  4. Zehnder, Fundamentalismus, Sp. 422. 

  5. Küenzlen, Fundamentalismus, Sp. 414. 

  6. Zehnder, Fundamentalismus, Sp. 421. 

  7. Ebd., Sp. 422. 

  8. Ebd. 

  9. H. Thielicke, Gespräche über Himmel und Erde, 1964; vgl. dazu S. Külling, Sollen wir den „Fundamentalismus“ verteidigen?, Riehen: Immanuel-Verlag, 1987, S. 4. 

  10. Vgl. R. Pache, Die Inspiration der Bibel, in: Bibel und Gemeinde, Heft 2, 1964, S. 146-149. 

  11. Külling, Fundamentalismus, S. 4. 

  12. Vgl. dazu F. Jung, Die deutsche Evangelikale Bewegung. Grundlinien ihrer Geschichte und Theologie, Bonn: VKM, 1994, S. 5ff. 

  13. Vgl. W. Joest, Art. Fundamentalismus, in: TRE 11 (1983), S. 732. 

  14. Hamilton, Fundamentalismus, Sp. 418. 

  15. Junk, Evangelikale Bewegung, S. 22. 

  16. Ebd. 

  17. Ebd., S. 181ff. und S. 185ff. 

  18. Zur Kritik an den „Evangelikalen“ vgl. Junk, Evangelikale Bewegung, S. 218ff. 

  19. Vgl. R. Ziegert, Wohin entwickelt sich der Protestantismus? in: Das Pfälzische Pfarrerblatt, Dezember 2004 (http://www.pfarrerblatt.de/). 

  20. Ch. J. Jäggi; Fundamentalismus heute – eine vielschichtige Erscheinung, in: Ders. und D. Krieger; Fundamentalismus. Ein Phänomen der Gegenwart, Zürich/Wiesbaden: Orell Füssli, 1991, S.20. 

  21. Helmut Thielicke, Gespräche zwischen Himmel und Erde, Stuttgart: Quell, 2. Aufl. 1965, S. 9 und S. 29; vgl. auch S. Külling, Die Bedeutsamkeit eines „fundamentalistischen“ Bibelbekenntnisses, in: Fundamentum, Heft 1/2001, S. 32. 

  22. Ebd., S. 10. 

  23. Zehnder, Fundamentalismus, Sp. 422. 

  24. Vgl. dazu J. Wenham, Jesus und die Bibel. Autorität, Kanon und Text des Alten und Neuen Testaments, Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 2000, S. 25ff. 

  25. Vgl. J. Ratzinger, Jesus von Nazareth, Erster Teil: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, Freiburg/Basel/Wien: Herder, 2007, S. 20-21: „Ich bin überzeugt und hoffe, auch die Leser können sehen, dass diese Gestalt viel logischer und auch historisch betrachtet viel verständlicher ist als die Rekonstruktionen, mit denen wir in den letzten Jahrzehnten konfrontiert wurden. Ich denke, dass gerade dieser Jesus – der der Evangelien – eine historisch sinnvolle und stimmige Figur ist … Ist es nicht auch historisch viel logischer, dass das Große am Anfang steht und dass die Gestalt Jesu in der Tat alle verfügbaren Kategorien sprengte und sich nur vom Geheimnis Gottes her verstehen ließ?“ 

  26. Vgl. dazu J. Thiessen, Biblische Glaubenslehre. Eine Systematische Theologie für die Gemeinde, Nürnberg: VTR, S. 15f. 

  27. Vgl. auch A. Steinmeister, Auferstehung, Realität oder Illusion? Argumente für die Auferstehung Jesu und die Auferstehung der Toten, Wuppertal: Verlag und Schriftenmission der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland, 1989, S. 94f. 

  28. Vgl. E. Lerle, Wahrheit und Verkündigung, in: Fundamentum, Heft 1/1982, S.65ff.; E. Lerle, Moderne Theologie unter der Lupe, Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 1987, S. 92ff. 

  29. Vgl. dazu auch J. Thiessen, Die Stephanusrede untersucht und ausgelegt aufgrund ihres alttestamentlichen und jüdischen Hintergrunds, Nürnberg: VRT, 1999, S. 34f.