ThemenFrage & Antwort, Gelebte Bibeltreue

Die Sünden anderer bekennen?

Frage: Kann man aus Nehemia 1,6 ein Prinzip ableiten, wonach es geboten oder erlaubt ist, stellvertretend die Sünden anderer zu bekennen?

Antwort:

An die gestellte Frage, schließen sich sofort andere an: Wenn ein solches Bekenntnis von Gott gewollt ist, welche Auswirkung hat ein stellvertretendes Schuldbekenntnis für den Sünder selbst? Was ist von den Aktivitäten mancher Gläubiger zu halten, die stellvertretend Gott um Vergebung bitten für die Gräueltaten, die ihre Großväter den Juden im Dritten Reich angetan haben?

Nun kann man die Frage schlicht mit „Nein“ beantworten. Denn schon im Prinzip ist es nicht möglich aus dem Gebet des Nehemia irgendein Prinzip abzuleiten, schon gar keines, dass die Sündenvergebung betrifft, zu der die Heilige Schrift an so vielen Stellen Prinzipielles sagt. Weil aber die Frage mir aber schon oft begegnet ist und eine genauere Betrachtung auch noch andere Fragen im Zusammenhang beantworten kann, soll hier ausführlicher darauf eingegangen werden.

Die Frage nach einem stellvertretenden Sündenbekenntnis wird in der Regel nicht gestellt, weil man eine direkte Aufforderung dazu in der Bibel gefunden hätte – es gibt auch keine -, sondern weil sich Menschen eine Wirkung davon versprechen. Während im Mittelalter Christen dachten, sie könnten dadurch das Los ihrer Verwandten im Totenreich erleichtern, geht es heutigen Christen darum, entweder ihre eigenen Probleme zu lösen oder eine erwünschte Erweckung im Sinne eines großen Evangelisationserfolges damit zu erzielen. Das verbreitet z.B. Christoph Häselbarth, ein charismatischer Leiter aus der Schweiz, und findet viel fruchtbaren Boden nicht nur in seinen Kreisen. In seinem Heft Befreiung von Vorfahrensschuld und Wachstum im Glauben (Solingen: Bernard, 1998) schreibt er:

„Wir haben erlebt, wie viel Befreiung von Schuld und Vorfahrensschuld geschehen ist und Menschen in große, neue Freiheiten gekommen sind […] Wenn ein Problem durch normale Seelsorge, d.h. durch Erkennen und Bekennen von Schuld und ganze Umkehr nicht gelöst wird, kann es sein, dass wir noch durch Vorfahrensschuld gebunden sind (unbereinigte Sünden oder Flüche der Vorfahren)“ (S.5).

Eine Rechtfertigung für seinen „Befreiungsdienst“ sieht er in Gottes Ankündigung die Schuld der Väter noch an der dritten und vierten Generation zu strafen (2Mo 20,5; 34,6-7; 4Mo 14,18; 5Mo 5,9) und in Gal 6,7, wo es heißt: „Denn was ein Mensch sät, das wird er auch ernten“. Häselbarth:

„Das Gesetz von Saat und Ernte ist ein göttliches Gesetz. Es ist nicht gleichgültig, was unsere Großeltern und Eltern getan haben, was sie gesät haben. Wir und die Enkel und Urenkel müssen das ernten. Wenn in unseren Familien z.B. Befürwortung des Nationalsozialismus, Judenhass, Kommunismus, Streit, Ehebruch, Abtreibung o.ä. war, liegt auf uns und unseren Kindern ein negatives Erbe“ (S.9).

Die Liste der Sünden mit negativem Erbe wird dann noch um okkulte Praktiken, Jähzorn, Bitterkeit usw. verlängert. Sollen wir wirklich für die Gräueltaten unserer Großväter oder Urgroßväter im Dritten Reich um Vergebung bitten oder gar für die Kreuzzüge unserer Vorfahren im 11.+12. Jahrhundert, wie es auch schon geschehen ist?

Nein! Und die Antwort finden wir, wenn wir nur einmal die zur Rechtfertigung angegebenen Stellen genau studieren und sie im Zusammenhang der Heiligen Schrift sehen. 2Mose 20,4-6 heißt es:

„Du sollst dir kein Götterbild machen, auch keinerlei Abbild dessen, was oben im Himmel oder was unten auf der Erde oder was in den Wassern unter der Erde ist. Du sollst dich vor ihnen nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen. Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern, an der dritten und vierten Generation von denen, die mich hassen, der aber Gnade erweist an Tausenden von Generationen von denen, die mich lieben und meine Gebote halten.“

Zuerst einmal wird deutlich, dass es bei der Drohung Gottes vor allem um die Sünde der Abgötterei geht, auch wenn in der Bibel mehr dazu zählt als denken. Die Eifersucht Gottes lässt es nicht zu, dass wir ihm und zugleich irgendwelchen Götzen dienen wollen. Es gibt zwei krasse Beispiele, wo Gott seine Ankündigung wahr gemacht hat. Achan wird samt seinen Söhnen und Töchtern und seinen Haustieren gesteinigt, weil er sich an dem gebannten Gut aus Jericho vergriffen hatte (Jos 7). Die Rotte Korach wird mit Frauen und Söhnen und kleinen Kindern von der Erde verschlungen (4Mo 16).

Das wirft ein Licht darauf, warum in Gottes Drohung von der dritten und vierten Generation die Rede ist. Es ist hier an alle gedacht, die in einem Zelt und unter einem Dach leben, die also ein Haus bilden. Das sind in biblischen Zeiten drei oder vier Generationen, heute meist nur zwei.

Die Beispiele machen deutlich, dass die Sünde zwar die Sünde des einen ist, aber doch von der Familie gedeckt, unterstützt und geteilt wird. Denn die Vorstellung, dass einer heimlich fremde Götter anbeten kann und die Familie bleibt unbeteiligt, das ist nach biblischem Verständnis ungewöhnlich. Achan, der sich eben nicht nur eines einfachen Diebstahls schuldig gemacht hat, sondern der Verführung zur Abgötterei, hatte sein Diebesgut im Zelt eingegraben, offenbar nicht ohne die Deckung der Familie. Und bei der Rotte Korach erhalten noch alle die Möglichkeit, sich von ihnen zu entfernen, wenn sie ihren Aufstand nicht teilen (4Mo16,23+24). Gottes eifersüchtiger Zorn trifft also alle, die sich aktiv oder passiv an der Abgötterei beteiligen. Das ist aber etwas ganz anderes als die Vorstellung von vererbter Schuld oder dem unerkannten Fluch auf einer Familie oder ähnliches.

Gottes Zorn ist jedoch kein Automatismus, der zur Folge hätte, dass nun alle Menschen irgendeine Buße oder Lossage für die Sünden ihrer Väter tun müssten. Das wird zum Beispiel an Gideon deutlich, der von Gott berufen wird, obwohl sein Vater Baal-Altäre besitzt und Aschera-Bilder aufgestellt hat. Gideon nimmt Gottes Auftrag an, diese Götzen zu zerstören, wenn auch aus Angst nur heimlich. Aber immerhin zeigt er sich hier als einer der sich vom Götzendienst seines Vaters distanziert.

Und um das falsche Gerücht über Gottes Art zu strafen, zu bekämpfen, erklärt Gott die Sache in Hesekiel 18 noch einmal ganz ausführlich. Ein Gerechter, der einen gewalttätigen Sohn zeugt, wird nicht für die Sünden seines Sohnes bestraft und der Sohn dieses Sohnes wird nicht für die Sünden seines Vaters bestraft, wenn „er sie sieht und doch nicht so handelt“. Es gibt bei Gott keine Sippenhaft. Darum auch befragt Petrus Saphira, um zu erfahren, ob sie mit ihrem Mann unter einer Decke steckte oder er heimlich sündigte (Apg 5). An keiner Stelle ist aber von Lossagegebeten die Rede, die man angeblich sprechen soll, um sich von einer Belastung durch die Sünden der Väter zu befreien. Und so verheißt ja Gott seine Barmherzigkeit an Tausenden. Wenn damit auch Generationen gemeint sind, wären bei 20 Jahren für eine Generation mehr als der bisherige Bestand der Welt. Gottes Barmherzigkeit gilt also für alle, die ihn lieben, welche Schuld auch immer ihre Vorfahren auf sich geladen haben.

Damit will ich keineswegs den Ernst der Warnung Gottes schmälern. Der Punkt liegt nur an einer anderen Stelle. Wir modernen Menschen in unserem extremen Individualismus und Pluralismus nehmen oft nicht genug wahr, dass wir uns auch durch stillschweigende Duldung von Abgötterei schuldig machen, wenn sie in unserem „Haus“ geschieht. Dies gilt mindestens für den Raum unserer Familie, m.E. aber auch in unserer Gemeinde oder unserem Gemeindeverband, sogar in unserem Volk. Christen sind gefordert, Abgötterei beim Namen zu nennen und nicht heimlich ihren Glauben zu leben. Darum kann auch in eine Familie, in der einer an Christus glaubt, das Schwert kommen. Denn der Glaubende muss bekennen und sich gegebenenfalls abseits der Familie stellen.

Ich bitte darum, den Zusammenhang von Matthäus 10,32-39 zu lesen, wo Jesus auf diesen Ernst aufmerksam macht. Deswegen gibt es auch eine Verpflichtung innerhalb der Gemeinde auf den falschen Weg einzelner Geschwister, aber auch auf einen falschen Weg einer Gemeindeleitung aufmerksam zu machen und sich notfalls zu distanzieren. Stillschweigend seinen rechten Glauben zu leben reicht nicht. Dies ist besonders herausfordernd für die Geschwister, die sich innerhalb der katholischen oder evangelischen Volkskirche befinden.

Es ist nicht recht seinen biblischen Glauben zu pflegen und die Abgötterei der Marienverehrung oder des Messopfers stillschweigend zu dulden. Man macht sich schuldig, wenn man die Abgötterei der Religionsvermischung oder der Segnung homosexueller Partnerschaften kleinredet oder entschuldigt. In diesem Sinne machte man sich auch schuldig, wenn man die Schuld eines Großvaters aus der Nazizeit rechtfertigte. Aber das scheint mir heute nur unter Neonazis, aber nicht unter Christen ein Problem.

Aber haben denn nicht Nehemia (Neh 1,6+9,2) oder Hiskia (2Chr 29,6) oder Daniel (Dan 9,8) stellvertretend die Sünden ihrer Väter bekannt? Wenn damit gemeint sein soll, dass sie Sünden ihrer Vorfahren bekannten, mit denen sie selber nichts zu tun hatten, sondern sie auf irgendeine Weise geerbt und nun davon belastet waren, dann eindeutig „Nein“. Nehemia bekennt die Sünden der Kinder Israels, „die wir an dir begangen haben“. Er schließt ausdrücklich sich selbst und das Haus seines Vaters ein. Dies ist vor dem Hintergrund des Bewusstseins der Zugehörigkeit zu einem Haus und einem Volk zu verstehen. Seines Vaters Haus, von dem er sich nicht distanzierte, und er selbst und das Volk sind schuldig. Nehemia bittet um Erhörung dieses Bußgebets für sich und „alle, die von Herzen deinen Namen fürchten“ (1,11). Nehemia erhebt seine Stimme also zu Gott für eine Gruppe von Israeliten, die wie er die Schuld erkannten und betet in diesem Sinn stellvertretend für sie. Dies ist nichts anderes als wenn in einem Gottesdienst einer im Namen aller betet.

1Kor 14,16 geht Paulus von einer solchen Situation aus und fordert, dass das Gebet für alle verstehbar sein soll, damit man sein „Amen“ dazu geben kann. Es kann so auch Schuld der Gemeinde vor Gott bekannt werden und alle können ihr „Amen“ dazu sagen oder müssen sich distanzieren und sagen, dass das nicht ihr Gebet war. Bei Hiskia ist die Sache noch eindeutiger, denn die Sünde, dass die Ordnungen Gottes für das Volk nicht gehalten wurden, haben zwar die Väter angefangen, war aber immer noch nicht abgestellt. Auch Daniel sieht sich mit seinem wiederholten „wir“ als Teil der sündigenden Gemeinschaft und er trägt persönliche Schuld, selbst wenn er nur stillschweigend geduldet hätte. Wenn er so betet, dann hat das nur Sinn, wenn nicht nur er als Einzelner seine Schuld erkannt hat, sondern auch ein großer Teil des Volkes. Es erfüllt sich an den Entronnenen, was Hesekiel 6, 8-10 verheißen ist:

„Ich will aber einige von euch übriglassen, die dem Schwert entgehen, unter den Völkern, wenn ich euch in die Länder zerstreut habe. Diese eure Entronnenen werden dann an mich denken unter den Völkern, wohin sie gefangen weggeführt sind, wenn ich ihr abgöttisches Herz, das von mir gewichen ist, und ihre abgöttischen Augen, die nach ihren Götzen sahen, zerschlagen habe. Und es wird sie ekeln vor all dem Bösen, das sie mit all ihren Greueln begangen haben, und sie werden erfahren, dass ich der HERR bin; nicht umsonst habe ich geredet, solches Unglück ihnen zu tun.“

Aber das sagt Daniel ja auch (9,18):

„Nicht im Vertrauen auf unsere guten Taten legen wir dir unsere Bitten vor, sondern im Vertrauen auf dein großes Erbarmen“.