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Buch: Kritik der Bibelkritik. Wie die Bibel wieder zur Heiligen Schrift werden kann.

Ein Buch, das die Bibelkritik nicht wirklich kritisiert, sondern allenfalls ihre absurdesten Ergebnisse

Wilckens, Ulrich. Kritik der Bibelkritik. Wie die Bibel wieder zur Heiligen Schrift werden kann. Neukirchen-Vluyn: Neu­kirch­ener Verlagsgesellschaft 2012. 172 S. Paperback: 16,99 €. ISBN 978-3-7887-2603-4

Wilckens-BibelkritikWenn von einem ehemaligen Universitätsprofessor und Bischof der Nordelbischen Kirche ein Buch mit dem Titel „Kritik der Bibelkritik“ veröffentlicht wird, verdient es sicher Beachtung, auch wenn der Untertitel „Wie die Bibel wieder zur Heiligen Schrift werden kann“ bereits erste Zweifel an der Zielsetzung aufwirft (ist sie es denn momentan nicht?). Diese werden im Lauf der Lektüre leider bestätigt.

Die ersten beiden Drittel des Buches widmet Wilckens der Geschichte der historisch-kritischen Exegese. Die Darstellung gerät notwendigerweise knapp, aber durchaus informativ, wobei sie auf die Entwicklung in Deutschland beschränkt bleibt. Wilckens zeigt die Ursprünge der historisch-kritischen Methode auf, die Grundmotive der Aufklärung in die Theologie getragen hat. Hier legt er überzeugend dar, dass viele „Ergebnisse“ dieser angeblich wissenschaftlichen Arbeitsweise historisch unwahrscheinliche Vermutungen darstellen (S. 21 zur These, die Auferstehung sei durch innere Visionen der Jünger erklärbar). „Für uns gestorben“ soll plötzlich nur noch „uns zum Vorbild“ bedeuten, Glaube an Jesus bedeutet, „sich im eigenen Alltag an seine Lehre halten und auf den Gott vertrauen, dem er vertraut hat“ (S.23). Die Tragweite dieser Entwicklung wird erkannt und benannt:

„Die Bestreitung der Wunder durch die ‚historische Kritik‘ der Vernunft ist also der Sache nach eine Bestreitung der Wirklichkeit des biblischen Gottes überhaupt“ (S. 19).

Trotz dieser richtigen Erkennt­nisse wird aber schnell klar, dass Wilckens mit der Bibel­kritik nicht so recht brechen kann und will. Seine Thesen ähneln denen, die Joseph Ratzinger in seinen Jesus-Büchern vertreten hat (neben seiner eigenen „Theologie des Neuen Testaments“ ist das erste Jesus-Buch des Ex-Papstes auch das einzige (!) Werk, das Wilckens in der Literaturliste zu Teil II angibt – hier kommt die ökumenische Einstellung des Autors zum Vorschein, der seit 1984 Catholica-Beauftragter der VELKD ist), dass nämlich die historische Kritik ihre Berechtigung habe, aber an manchen Stellen zu weit gehe. Dass die pietistischen Exegeten des 19. Jahrhunderts für die Echtheit der biblischen Verfasser eintraten, nennt Wilckens einen „theologischen Denkfehler“ (S. 26). Während es Schleiermacher „zu verdanken“ sein soll, dass der christliche Glaube „seinen Ort in der modernen Lebenswelt gefunden hat“ (S. 46), wird Schlatter dafür kritisiert, dass er „in argloser Selbstverständlichkeit“ die Thesen der bibelkritischen Einleitungswissenschaft „völlig missachtet“ (S. 70).

Bei dieser Haltung des Autors verwundert es nicht, dass er keine überzeugenden Lösungen anzubieten hat, wenn er im zweiten Teil des Buches darüber nachdenkt, wie die historisch ausgelegte Bibel wieder zur Heiligen Schrift werden kann. Dass Wilckens etwa dafür plädiert, das Neue Testament in seiner Kontinuität zur alttestamentlichen Geschichte zu sehen und Gott als Mitte aller biblischen Theologie herauszustellen, ist zwar lobenswert, aber im Grunde eine Selbstverständlichkeit. Die Methoden, mit denen er zu diesem Ziel gelangen will, waren und bleiben jedoch fragwürdig.

Dass die Gestalt des biblischen Urtextes Gegenstand wissenschaftlicher Forschung sein kann, bezweifeln wohl die wenigsten, auch wenn die Bedeutung der Textkritik letztlich geringer ist, als der Autor behauptet („nicht selten“ soll es um „Urteile von theologischer Bedeutung“ gehen, S. 159). Literarkritische Entscheidungen, mit denen etwa die Unechtheit der Verfasser behauptet wird, verstoßen nach Wilckens nicht gegen die nötige Achtung vor der heiligen Schrift, solange sie mit textkritischen, nicht mit sachkritischen Argumenten begründet werden (S. 160) – wobei ihm eine „offensichtliche sprachliche Verschiedenheit“ ausreicht. Weshalb „Pseudoepigraphie“ (die nicht so „gang und gäbe“ war, wie Wilckens glauben machen will) eine wissenschaftlichere Lösung für das Problem sprachlicher Verschiedenheit sein soll als etwa die Existenz mehrerer Schreiber, wird gar nicht erst diskutiert. Auch die Form- und Traditionsgeschichte („fruchtbarste von allen Methoden“, S.162) und selbst die „Sachkritik“ wird positiv beurteilt, wenn auch deren schlimmste Auswüchse abgelehnt werden. Auf diese Weise kommt Wilckens etwa dazu, die Jungfrauengeburt Jesu zu bezweifeln („Theologie in narrativer Gestalt“, S. 130), die „zur Bekräftigung der Gottessohnschaft Jesu nichts beitrage“ (S. 131) – oder die Anweisungen Gottes bei der Landnahme (Dtn. 1,19-3,29) als „unannehmbar“ zu bezeichnen (S. 166).

Kurz: der Titel des Buches ist irreführend. Wilckens kritisiert keineswegs die Bibelkritik, sondern lediglich deren absurdeste Verfremdungen des christlichen Glaubens. Er argumentiert gegen einige Ergebnisse, nicht gegen die Methoden, die zwangsläufig zu solchen Ergebnissen führen. Das Buch kann daher allenfalls historisch Interessierten empfohlen werden, die einen Einblick in die Entwicklung der Bibelkritik gewinnen möchten.