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Bei Gott ist viel mehr Gnade: über den Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium

Ein Neudruck von mehr als 100 Jahren alten Vorlesungen erinnert an die Wichtigkeit der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium

C. F. W. Walther. Bei Gott ist viel mehr Gnade: über den Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium: 10 Vorlesungen. Zwickau: Concordia, 2004. 178 Seiten. 8,80 Euro. ISBN 3-910153-56-9.

Der vorliegende Band ist eine neu bearbeitete Auflage einer Vorlesungssammlung von Carl Ferdinand Wilhelm Walther aus dem Jahre 1893. Walther war lange Professor am Concordia-Seminar in St. Louis (USA) und war Mitgründer der Evangelisch-Lutherischen Missourisynode in den USA. Seine Darlegungen zum Thema Gesetz und Evangelium galten lange Zeit als Standardwerk innerhalb der lutherischen Kirchen. Der vorliegende Band hat den Charme keinen trockenen Vorlesungsstoff zu bieten, sondern wichtige Aspekte zum Thema in einer direkten Ansprache an zukünftige Gemeindeprediger. So werden jeweils am Anfang der Vorlesung viele praktische Seiten des Predigtdienstes entfaltet, auf die Gefahr von Missverständnissen hingewiesen und seelsorgerliche Ratschläge gegeben. Man fühlt sich jederzeit direkt angesprochen, was die Lektüre trotz ihres Alters leicht macht. Eine reiche Auswahl an Lutherzitaten tut das Übrige. Außerdem wurde bei der Neuauflage die Sprache dem heutigen Deutsch gelungen angepasst und längere Satzkonstruktionen aufgeteilt.

Der Verlag wollte das Thema Gesetz und Evangelium, das für Luther eine Zentralstellung in seiner Theologie einnahm, aber heute kaum noch zur Sprache kommt, neu ins Bewusstsein heben und anhand der Vorlesungen von C.F.W. Walther auch zeigen, dass es sich dabei nicht um eine lutherische Sonderlehre, sondern um ein biblisch-theologisch wichtiges Thema handelt. Dem kann auch der Rezensent zustimmen und darum ist es umso bedauerlicher, dass die richtigen Thesen Walthers die heutigen Herausforderungen um Gesetz und Evangelium etwa seit der grundlegenden Kritik Karl Barths nur am Rande treffen, sondern eher mit früheren Vermischungen und Entstellungen beschäftigen, die nur noch in ihrer Spätwirkung vorhanden sind. Man muss einige gedankliche Arbeit darauf verwenden, um die Ausführungen Walthers auf die heute notwendige Unterscheidung von Gesetz und Evangelium auszuziehen.

Luther sah sich in seiner Zeit genötigt, einen ganzen „Sermon vom Unterschied zwischen dem Gesetz und Evangelium” zu verfassen und meint darin:

„Es ist schnell gesagt, dass das Gesetz ein anderes Wort und Lehre ist als das Evangelium; aber es in der Praxis zu unterscheiden und die Kunst ins Werk zu setzen, ist Mühe und Arbeit.” Und über Tisch klingt es fast ein wenig resigniert: „Kein Mensch lebt auf Erden, der das Evangelium und Gesetz recht zu unterscheiden weiß. Wir lassen es uns wohl dünken, wenn wir predigen hören, wir verstehen’s; aber es fehlt weit, allein der heilige Geist kann diese Kunst. […] Ich hätte auch gemeint, ich könnte es, weil ich so lange und so so viel davon geschrieben habe; aber, wenn es ans Treffen geht, so sehe ich wohl, dass mir’s weit, weit fehlt! So soll und muss allein Gott der heiligste Meister sein” (WA TR 1234).

Auch für unsere Zeit wäre ein solcher Sermon m.E. wieder notwendig, denn Luthers Aussagen machen gerade deutlich, dass es keine systematische, allseits und alle Zeiten umfassende Formel geben kann, sondern das Zueinander und Widereinander von Gesetz und Evangelium im Leben mit der Heiligen Schrift als dem lebendigen Wort Gottes persönlich und für die Kirche erkämpft sein will. Dazu bieten die 10 Vorlesungen einen Anfang, weil sie es verstehen mit einer guten Zitatenauswahl (leider ohne Verweis auf die Weimarer Ausgabe der Lutherwerke), in das Thema einzuführen. Die eigentliche Herausforderung nehmen sie uns aber nicht ab. Wir müssen um es mit Luther zu sagen erst noch zeigen, dass wir rechte Theologen sind:

„Wer darum das Evangelium und Gesetz gut zu unterscheiden weiß, sage Gott Dank und wisse, dass er ein Theologe ist” (WA 40,I,207).

Dabei sind es zahlreiche Probleme, die heute auf die Spur des Themas führen könnten. Da behauptet einer kurz und bündig, im Alten Testament sei doch von dem Gottes des Zorns die Rede, der stelle Forderungen und strafe bei Übertretung. Aber im Neuen Testament finde sich allein der Gott der Liebe, der alles vergibt und niemand anklagt. Nur scheint das nicht zu passen, wenn man die Bibel aufschlägt. Da vergibt Gott einer ganzen Stadt, dass selbst sein Prophet von solcher Großzügigkeit erbost ist und Jesus lässt gleich eine ganze Stadt in die Hölle fahren. Ein andermal meinen hochgerühmte Theologen: Das Gesetz im Alten Testament sei einfach überholt. Das Neue Testament sei Evangelium mit der Liebe Gottes und Gnade, aus der man allein gerettet wird. Forderungen Gottes an den Menschen? – alles passé? Was aus Liebe getan ist, das ist gut und im Übrigen wird sowieso alles vergeben. Aber hat nicht gerade Jesus darauf bestanden, keinen i-Punkt des Gesetzes zu verachten? Da wird Paulus Feststellung „Der Buchstabe töte”, als Aufforderung verstanden in der Freiheit des eigenen Geistes, der schnell mit Geist Gottes identifiziert ist, zu bestimmen, was gerade recht sein soll – ganz unabhängig und ruhig auch gegen klare Aussagen der Bibel. Zugleich ist aller Orten der Ruf nach Werten für die Gesellschaft zu hören. Werden dann einzelne nicht nur unverbindlich zur Diskussion gestellt, sondern als Messlatte für konkretes Handeln angelegt, dann ist die Sache rückständig oder moralisierend. Sagt die Botschaft des Christus nun: Du bist O.K. – ich bin O.K.. Nimm dich an wie du bist! oder fordert sie Umkehr von verkehrten Wegen und radikales Umdenken? Und dann treten dauernd Leute auf, die uns vom Geheimnis des geistlichen Erfolges dieser Gemeinde oder jenes Predigers berichten und uns auffordern, es ihm gleich zu tun. Ist das nun hilfreiche Lebensweisheit oder der Wunsch geistliche Frucht mit fleischlichen Mitteln zu schaffen und damit ein Form der Gesetzlichkeit?

Insbesondere die erste Vorlesung Walthers gibt 6 hilfreiche Maßstäbe, um erst einmal zu erfassen, was mit der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium gemeint sein könnte. Luther meinte mit dem Begriff „Gesetz” das fordernde und strafende Reden Gottes, das im AT und NT zu finden ist. Das „Evangelium” ist Gottes Zusage und Verheißung, die er dem Glauben schenkt: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du gerettet! und dabei ist sogar der Glaube ein Geschenk. Luther wollte Menschen die Forderungen Gottes zu sagen. Er hielt sie nicht für überholt. Sie müssen aber zur rechten Zeit und in der rechten Situation gesagt werden. Wenn es um die Annahme des Menschen bei Gott geht, dann kann das Gesetz nicht helfen, dann ängstigt es nur die Gewissen und beraubt der Zuversicht auf die Gnade Gottes.

„Wenn es aber nicht um die Gewissenswelt geht, wenn also äußere Werke geschehen müssen, so wenn du das Werk eines Predigers zu tun hast, Regiergeschäfte erledigst, als Gatte, als Lehrer, als Schüler ein Werk hast etc., dann ist nicht Zeit, das Evangelium zu hören, sondern das Gesetz; da diene deiner Berufung” (WA 40,I,210).

So in der Galaterbriefvorlesung von 1532 und wieder über Tisch:

“Das Gesetz und das Evangelium sind zwei. Gott will, dass die Gottlosen durch das Gesetz von Lastern abgehalten werden und hält die Werkheuchler dadurch in Schranken, so dass sie, wenn sie nicht anders als durch Werke die Seligkeit erlangen wollen, diese aus dem Gesetz lernen, welches die Werke reichlich beschreibt. Durch das Evangelium aber tröstet er die Traurigen, Schwachen, Betrübten und alle, welche der Prophet Jesaja Kap. 6 aufzählt. Denen wird nämlich gesagt: Lasset euch trösten mit dem Troste, weil ich eure Sünden vergebe. Was hat Gott mehr tun können, als die Stolzen demütigen durch das Gesetz und sie heiligen durch das Evangelium?” (WA TR. 1974).

Und heute? Wo liegen die Herausforderungen und Chancen der richtigen Unterscheidung von Gesetz und Evangelium? Mit der angemessenen Unterscheidung könnte die Kirche wieder klare ethische Aussagen machen, ohne das Evangelium zu beschädigen. Sie bräuchte nicht dem jeweiligen Zeitgeist hinterher zu hetzen, um mit Verspätung eine ethische Position nach der anderen aufzugeben und noch pflichtschuldig einen Segen für Lebensweisen anzubieten, die mit den 10 Geboten und den eigenen Bekenntnissen völlig unvereinbar sind. Sie dürfte Ehebruch „Ehebruch” nennen, sexuelle Verirrung als solche bezeichnen. Und dann könnte sie zugleich ihre Türen weit aufmachen für den Ehebrecher, der Vergebung wünscht, für den Verirrten, der Hilfe sucht und könnte ihm das Evangelium von der Gnade Gottes sagen. Mit der rechten Unterscheidung wäre wohl auch die Relevanz für die Botschaft der Vergebung wiederzugewinnen. Wenn man nämlich nicht mehr sagen mag, dass der Mensch ein Sünder ist, wozu will man ihm sagen, dass Gott Sünde vergeben hat? Seit Barths Umkehrung zu „Evangelium und Gesetz” ist man weithin in die einlinige Meinung verfallen, dass das Gesetz keine Rolle mehr spielt bei der Erkenntnis der Sünde, sondern nur geeignet ist, einen galligen Moralismus ins Spiel zu bringen. Ohne die berechtigten Forderungen Gottes an den Menschen bleibt aber völlig unklar, warum Sünde eine Sache zwischen Gott und Mensch ist und das Verhältnis zu ihm zerstören muss. Sünde scheint nur persönlicher Mangel zu sein, Christsein eine Lebenshilfe, den Mangel abzustellen.

Und noch einer Tendenz ist mit der „Mühe und Arbeit” der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium zu begegnen. Überall wo den Forderungen Gottes ihr Recht bestritten wird, da ist man nicht etwa frei von allen Forderungen. Es erheben sich vielmehr andere, neue, Menschen gemachte, die keineswegs barmherziger sind als die Gottes. Ob die nun zu einer Befreiungstheologie ausgeformt werden, sich in Appellen zur dauernden Solidarität mit den Entrechteten ergehen oder einfach nur als die ständige Mahnung im Raum stehen, der Glaube müsse noch erst in die Praxis umgesetzt werden. Und dann finden sich recht konkrete Forderungen, wie etwa die vorbehaltlose Achtung homosexueller Lebensweise oder von anderer Seite, die Erwartung man müsse seinen Glauben in der Anpassung an die eine oder andere Gemeindetradition erweisen, sei es nun eine ekstatisch-charismatische oder eine gesetzt-nüchterne. Ist es nicht erstaunlich, dass angesichts von Allem, was das Alte Testament lobend über das Gesetz Gottes sagt, nirgends in der Bibel ein Mensch beschrieben wird, der dies Gesetz haltend vor Gott bestehen konnte? An keiner einzigen Stelle ist ein Mensch gerecht geworden oder wenigsten geblieben, weil er das Gesetz gehalten hat. Welch ein Unterschied zu allen modernen Heiligen- und Erfolgsgeschichten!

Es lohnt sich also die Mühe und Arbeit der Unterscheidung allemal – sowohl für die Kirche als auch für den Einzelnen. Walthers Vorlesungen bieten einige Anregungen dafür. Ersetzen können sie aber die eigene Mühe nicht. Wer selber predigt, kann durch die vielen praktischen Hinweise am Rande, Hilfe zur Beurteilung und Verbesserung seiner eigenen Predigt von Gesetz und Evangelium erhalten. Trotzdem wäre zu wünschen, dass sich jemand der Herausforderung stellte, für uns Heutige einen Sermon von der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium zu verfassen.