ThemenFrage & Antwort

Hiob, eine historische Person?

Frage: War Hiob eigentlich eine authentisch-historische Person? In einem verbreiteten evangelikalen Buch bezeichnet der Autor die Hiobsgeschichte als eine Glaubensgeschichte in der literarischen Form einer Novelle.

Der Autor schreibt: „Wenn ich glauben müsste, dass das Buch „Hiob“ eine historisch-authentische Biographie darstellen würde, könnte ich an dieser Wette verzweifeln, denn das wäre eine furchtbare gemeine Geschichte.“

Und außerdem: „So wie Jesus die großen Themen seiner Botschaft in der Form von Parabeln erklärt hat, spricht Gott in der Hiobgeschichte wie in einem Gleichnis zu uns, weil wir es anders nicht fassen könnten.“1

Antwort:

Man muss einem Autor, der selbst durch Leiderfahrung gehen muss, Ver­ständnis entgegen bringen. Ja, es kann möglich sein, dass er an Hiob verzweifelt und dessen Ergehen für eine „gemeine Geschichte“ hält.

Die inspirierten biblischen Autoren aber dachten ganz anders über Hiob.

Der Prophet Hesekiël (14,12-20) schreibt zum Beispiel wie das Wort Jahwes zu ihm kam. Gott sprach zu ihm über das schwere Gericht, das er einem Volk androht, das ihm die Treue bricht. Dann wird niemand dieses Volk vor seinem Strafgericht retten können. Selbst wenn dann solche Männer wie Noah, Daniel und Hiob unter ihnen wären, dann würden sie nur ihr eigenes Leben retten können, nicht aber das der anderen Menschen. Ja, diese hervorragenden Gottesmänner würden in solch einem Fall nicht einmal ihre eigene Familie retten können.

Wir stellen fest: Gott spricht von Menschen, die gelebt hatten und die Hesekiël ebenso kannte wie die Juden zu denen er sprach, nämlich aus dem schriftlichen Wort Gottes.

Jakobus, der Bruder des Herrn, schreibt in seinem Brief (5,11):

„Ihr wisst ja, dass wir die glücklich preisen, die durchhalten. Von der Standhaftigkeit Hiobs habt ihr gehört und gesehen, wie der Herr ihn am Ende belohnt hat. Der Herr ist voller Mitgefühl und Erbarmen.“

Daraus geht deutlich hervor: Nicht nur Jakobus, sondern auch seine Leser kannten Hiob und hatten durch die Verkündigung des Wortes Gottes sowohl von dessen Standhaftigkeit als auch von dessen Ende gehört.

Das Buch Hiob ist ohne Zweifel ein literarisches Kunstwerk, das abgesehen von den beiden ersten Kapiteln und den letzten Versen komplett in poetischer Form niedergeschrieben wurde. Das schließt aber die Existenz von Hiob nicht aus. Die Bibel ist ja zum großen Teil in poetischer Form geschrieben: Psalmen, Klagelieder, die meisten Pro­phe­ten­bücher und die gesamte Weisheitsliteratur, wozu auch Hiob gehört. Hiob lebte wahrscheinlich zur Zeit der Patriarchen Isaak und Jakob in einem Gebiet, das später vom Stamm Manasse bewohnt wurde (das Land Uz). So legen es verschiedene Beobachtungen aus dem Buch selbst nahe.

Welche Konsequenzen ergeben sich, wenn Hiob nur eine fiktive Gestalt in einem Gleichnis oder einer Novelle wäre?

  • Der Grundsatz, dass die Schrift sich durch die Schrift auslegt, wäre aufgegeben. Denn man beachtet dann ja nicht, was Hesekiël und Jakobus über Hiob sagen. Dass diese einen anderen, uns unbekannten Hiob meinen würden, ist eine unsinnige Annahme. Denn Hesekiël und Jakobus reden von Personen, die auch ihren Lesern bekannt waren. Und im ganzen biblischen Umfeld gibt es keinen anderen Hiob.
  • Die Einheit der Heiligen Schrift würde geleugnet. Denn wenn nur das Buch Hiob zur Erklärung des Buches Hiob herangezogen werden dürfte und die anderen biblischen Bücher dafür keine Bedeutung hätten, wird der Zusammenhang der Bibel zerstört.
  • Parallelstellen in der Bibel können nicht mehr ernst genommen werden. Denn Einzelaussagen zum gleichen Thema könnten dann nicht mehr in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht werden.
  • Die biblische Beweisführung der Autoren des Neuen Testaments mit ihren Zitaten aus dem Alten Testament wäre gegenstandslos. Denn wenn Hiob nur eine fiktive Gestalt wäre, hätte Jakobus nicht schreiben dürfen, dass der Herr ihn am Ende belohnt hat und dass dieses gerade auf das Mitgefühl und Erbamen des Herrn hinweist.
  • Auch die Texte des 1. Buches Mose, die von Noah berichten, müssten als Erfindung gewertet werden. Denn Hesekiël nennt Noah in einem Atemzug mit Hiob und Daniel. Es ist nicht sinnvoll anzunehmen, dass es Hiob nicht gab, wenn es Noah und Daniel gegeben hat.
  • Die Echtheit des Buches Daniel müsste angezweifelt werden. Denn Daniel lebte nach Aussage des Danielbuches zur gleichen Zeit in der gleichen Verbannung wie Hesekiël. Von daher ist es kein Wunder, dass Hesekiël ihn kannte. Wenn das aber nicht stimmt, ist auch das Buch Daniel eine Erfindung.
  • Dann hätte es nicht nur Hiob, sondern auch Noah und Daniel nie gegeben, was letztlich die Inspiration und Autorität der ganzen Bibel infrage stellt.

Es ist zu hoffen, dass dem Autor des oben genannten Buches diese Konsequenzen nicht bewusst waren, als er das schrieb. Aber wer anfängt, die biblische Geschichte für fiktiv zu halten, wird bald nur das noch als Wort Gottes anerkennen können, was er selbst ausgewählt hat. 


Die Probleme und Folgen einer solchen Haltung lassen sich in dem lesenswerten Artikel von Markus Till nachlesen: Streit um das biblische Geschichtsverständnis


  1. Jürgen Mette, Alles außer Mikado, Gerth-Medien, 2013.